Archiv für Juli 2008
Verzögerte Reizleitung
Gestern als ich im Garten lag meine Arbeitskraft zu regenerieren, wie sich das gehört, saß im Gebüsch ein rotes Eichhörnchen und fraß sehr laut an einer Nuss. „Schrapp-schrapp“ – nagte es sich durch die Nussschale. Mir fällt erst jetzt auf, wie sehr mich das gestern gestört hat. So ein possierliches Tierchen sollte wirklich dezenter zu speisen gelernt haben.
Heute war das Eichhörnchen übrigens ein Buntspecht (was mich dann morgen weiter beschäftigen wird).
Früher
Ich habe eine billige Armbanduhr mit analogem Ziffernblatt. Abgesehen davon, dass sie die Zeit nicht richtig hält und öfter etwas nachgeht, ist sie eine zuverlässige Uhr. Seit heute Vormittag nun läuft sie rückwärts. Erst dachte ich, jetzt bin ich endlich verrückt. Wollte schon jemanden fragen, ob er auch sieht, wie meine Uhr rückwärts läuft aber man geniert sich ja doch. Ich vermute aber, dass sich mein Wahnsinn nicht darin äußern wird, mich Uhren rückwärts laufen sehen zu lassen. Die Uhr läuft wirklich rückwärts (was allerdings auch kein Indiz für mein Normalsein ist).
An der Strehlener Kirche
Adulter Wissensdurst
Bei mir geht’s ruhiger zu und doch trifft es auch auf mich zu, wenn er sagt: Jetzt, wo ich es wirklich erfassen kann in reiferem Alter, jetzt, wo ich mich wirklich darauf einlassen kann, möchte ich noch einmal studieren.
Das Unheil ist, daß wir zwischen dreißig und vierzig keinen Augenblick Atem schöpfen. Das Unheil ist, daß es hopp-hopp geht, bergauf und bergab – und daß doch gerade diese Etappe so ziemlich die letzte ist, in der man noch aufnehmen kann; nachher gibt man nur noch und lebt vom Kapital, denn fünfzigjährige Studenten sind Ausnahmen. Schade ist es.
Kurt Tucholsky, Ich möchte Student sein, 1929 (Unbedingte Leseempfehlung!)
An der Eisenbahnbrücke
Feststellung
Große Hitze ist nichts für mich. Dann schwitze ich wie ein Schwein und bin noch matter als sonst. Draußen am Körper kleben die Kleidungsstücke und drinnen im Kopf die dürftigen Gedanken. Da kommt nichts Gutes raus und gut aussehen tut’s auch nicht. Ich werd noch meine Freude am Klimawandel haben…
Schmiedeberg
Schicksal
Schicksal ist das Zusammentreffen deiner Eigenschaften mit der Welt – las ich bei Tucholsky¹. So gesehen muss ich mich über gar nichts wundern.
¹ Kurt Tucholsky, Erfolgreiche Leute, 1929
Auswärts
Heute mit einer größeren Menge schlecht geschminkter und billig tätowierter (oder andersrum) Damen im Gesundheitspark Bad Gottleuba gewesen. Dort von einer herben Pflegedienstleiterin mit einem Vortrag bedrängt worden. Danach von wechselndem Personal durch eine interessante Austellung historischer medizinischer Gerätschaften und anschließend durch das Kurgelände geführt worden. Der bleibende Eindruck: Hier wird rehabilitiert und nicht gelacht.
Am Rande: Wenn ich alt bin und einen Krückstock brauche (politisch und auch sonst korrekt – Unterarmstütze), stelle man mir bitte einen unbunten Stock zur Verfügung. Alles andere verträgt sich nicht mit meiner antiquierten Vorstellung von Würde.
Doch nicht
Ich habe mir doch kein Fahrrad gekauft, stand aber kurz davor. Bin von der Materie überfordert, musste ich feststellen. Wenn man den selbsternannten Experten glauben soll, kann man überhaupt nur ein Fahrrad kaufen, was so viel wie ein kleines (altes) Auto kostet und tausenderlei Schnickschnack hat, den ich gar nicht verstehe. Muss da irgendwas gefedert sein? Gelsattel? Gangschaltung? Was? Ich will nur ein Fahrrad kaufen. Als man mir dann noch ernsthaft zu einem Helm riet, habe ich das Thema abgehakt. Meine Würde ist mir wichtiger.




