Archiv für die Kategorie ‘Beruf’
Krücke
Seit Jahren wieder eine erste Gehaltsabrechnung bekommen. Hätte fast den Ordner nicht mehr gefunden, in welchen ich diese Zettel immer abheftete. Dann aber doch, ganz hinten und verstaubt. Fühle mich nun wieder als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft, um nicht zu sagen als eine Stütze derselben.
Cordon sanitaire
Es gibt einen unsichtbaren Kreis um meine Arbeitsstelle. Ich möchte den Radius mit 5 Kilometern angeben. Nähert man sich von außen und überschreitet die Grenze, setzt sofort ein deutliches Unbehagen ein. Dieses Unbehagen steigert sich, je mehr man sich der Arbeitsstelle nähert. Es erreicht seinen Gipfel, wenn man die im Zentrum des Kreises sich befindende Arbeitsstelle erreicht. Dort ist das Unbehagen so groß, dass man schier betäubt davon ist. Und das ist vielleicht das Beste daran.
Mit jedem Meter, den man sich von der Arbeitsstelle entfernt, nimmt das Unbehagen ab. Überschreitet man die unsichtbare Grenze, dessen Radius ich mit 5 Kilometern angebe, ist es verschwunden. Ich bin sehr dankbar dafür, deutlich weiter als diese 5 Kilometer von der Arbeitsstelle entfernt zu wohnen.
Kuckucksnest
Mittlerweile in der Psychiatrie gelandet. Zum Teil rührt mein Unbehagen auch von der Ahnung her, einige Insassen könnten mir nur ein paar Schritte voraus sein. Starker Tobak.
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Der Tod einer jungen Frau lässt mich nicht los.
Sterben
Erstaunlich, wie lange so ein Körper aushält, bis er endlich stirbt. So viele Funktionen fallen aus und er lebt immer noch weiter. Als ob er nicht wahrhaben wollte, dass er längst verloren hat und weiterer Widerstand gegen den Zerfall zwecklos.
Lebenszeichen
Nicht einfach die Arbeit im Hospiz. Aber doch sinnvoll, gut und richtig – bisweilen sogar sehr schön.
Hospiz
Ich freue mich auf die Arbeit im Hospiz. Darf man das sagen? Leicht wird das nicht. Jetzt bin ich ganz nah dran. Das ist keine alberne Todesromantik, die mich dahin treibt. Ich wollte mir doch das Leben von seinem Ende her anschauen. Sehen, was bleibt. Ob was bleibt. Das Leben betrachten, ganz entblösst von allem alltäglichen Larifari, von aller Geschäftigkeit, die nur die brüllende Leere überdecken soll. Und auch, ob man was finden könnte, die brüllende Leere auszufüllen, für die Zeit, die noch bleibt.
Am durchdrehen
Heute in meinem Stammheim gewesen. Etliche haben gekündigt, einige sind mit Burnout krankgeschrieben oder mit Burnout noch nicht krankgeschrieben. Statt in die Knochenmühle zurückzukehren, kann ich froh sein, erst mal ins Hospiz zu gehen und danach in die Gerontopsychiatrie – zur präventiven Erholung.
Zwischennotizen
Kann sehr gute und auch optisch ansprechende To-do-Listen anlegen. Habe aber Probleme bei der Abarbeitung. Das sollte am besten jemand anders übernehmen.
Arbeite sehr gerne am Wochenende, besonders am Sonntag. Die Stadt ist dann morgens so schön menschenleer. Viele Ampeln schlafen noch oder blinken gelb vor sich hin.
Heute Abschiedstour in der Ambulanz. Das letzte Öko-Ei mit Kaffee bei Herrn M. in der Küche verzehrt. Bald nun für Wochen im Hospiz. Keine Angst vor der konzentrierten Begegnung mit Sterben und Tod, nur diffuse Angst zu versagen.
Mal festgehalten
- Frauen mit kieksenden Piepsstimmen gehen mir auf die Nerven. Möchte ihnen immer Whiskey und Zigaretten anbieten.
- Viele können mit Kritik nicht umgehen. Ich kann mit Lob nicht umgehen, das ist viel schlimmer.
- Wurde gestern von einer Patientin als „Igel auf zwei Beinen“ bezeichnet. Finde mich treffend charakterisiert.

