Archive for the ‘Beruf’ Category
Einzeiler
Man ist nie so urlaubsreif, wie am ersten Arbeitstag nach dem Urlaub.
Das Eigentliche
Las kürzlich “Schloss Gripsholm” im sechsten und letzten Band der Tucholsky Sammelausgabe. So hübsch melancholisch. Danach eine Auswahl von 1930 bis 1932. Die späten Werke sind von unüberhörbarer Resignation und Enttäuschung geprägt. “Leere” (Lesen!) von 1930 gefällt mir besonders.
Ab September bin ich in der Psychiatrie. Wahrscheinlich hielt man es für angebracht. Das kam ganz unverhofft, man fragte mich nicht. Hoffentlich komme ich nicht gleich in die geschlossene Abteilung. Jaja, politisch korrekt und euphemistisch “beschützt” genannt - auch so ein Witz. Hauptsache die Sprache gibt sich humanistisch, der Rest ist nicht so wichtig. Von dort jedenfalls hörte ich schon so manche wunderliche Geschichte. Mal schauen…
Man soll sich keine Illusionen machen - auf keinem Gebiet.
Auswärts
Heute mit einer größeren Menge schlecht geschminkter und billig tätowierter (oder andersrum) Damen im Gesundheitspark Bad Gottleuba gewesen. Dort von einer herben Pflegedienstleiterin mit einem Vortrag bedrängt worden. Danach von wechselndem Personal durch eine interessante Austellung historischer medizinischer Gerätschaften und anschließend durch das Kurgelände geführt worden. Der bleibende Eindruck: Hier wird rehabilitiert und nicht gelacht.
Am Rande: Wenn ich alt bin und einen Krückstock brauche (politisch und auch sonst korrekt - Unterarmstütze), stelle man mir bitte einen unbunten Stock zur Verfügung. Alles andere verträgt sich nicht mit meiner antiquierten Vorstellung von Würde.
Abgelöst
Übrigens, Herr W. ist tot. Ein blutiges Ende. Drei Monate waren zu optimistisch.
Kleiner Kalauer
Der Geist ist willig, aber der Fleiß ist schwach.
Ablösung
Herr B. ist tot. Vor ein paar Tagen gestorben. Er hat länger durchgehalten als ich mir das vorgestellt habe. Der Mann hatte sich eine schöne Dekubitus-Sammlung angelegt. Am Steiß konnte man den Knochen sehen, am linken Trochanter auch. Da heilte eigentlich gar nichts mehr. Natürlich alles MRSA besiedelt. Den Rachenraum hat man gnädigerweise darauf nicht getestet. Was keiner weiß, macht keinen heiß. Zum Schluss noch die obligatorische Lungenentzündung. Geht ja nicht ohne.
Gestern kam der Neue, Herr W. Er lief mir gleich unten in die Arme als ich vom Parkplatz kam. Gleich mit hoch genommen auf Station, Zimmer gezeigt. Bisschen erzählen lassen. Etwas redselig der Mann. Dann fängt er an zu weinen. Hört gar nicht wieder auf. Nun kann ich ja mit Gefühlsausbrüchen schlecht umgehen, fühle mich da immer hilflos. Er hat noch einige Illusionen seinen Aufenthalt hier betreffend, die will ich ihm nicht gleich nehmen. Hier ist kein guter Ort, das wird er schnell selber merken. Später höre ich, er ist aus dem Krankenhaus entlassen zum Sterben. Lungenkarzinom, Endstadium. Drei Monate vielleicht noch.
Sozialkontakt
Am Freitag nach chaotischer Frühschicht am Abend mit aus früheren Zeiten bekannten Menschen essen gewesen. War nach einem Aperitif und zwei Gläsern Wein ziemlich blau und müde. Hätte gerne am Tisch ein wenig geschlafen. Aber es war zu laut. Was die Leute ringsum immer zu schnattern haben?!
Auch das Tischgespräch interessierte mich nicht. Die alte Firma stirbt ihren langsamen Tod weiter. Gut so. Dann wurden die Themen persönlicher, mein Desinteresse wuchs noch. Keine Substanz nirgends. Dass die Leute ihre banalen Erlebnisse immer für berichtenswert halten. Wenn interessieren Geschichten von Ex-Freunden und Ex-Ex-Freunden und weiß der Kuckuck? Unglaublicher Stumpfsinn.
Am Wochenende dann Spätschicht gehabt. Ich gehe gerne am Wochenende arbeiten, dann sind die Verwalter des Elends nicht anwesend. Nur die unterste Ebene, die wirklichen Frontschweine. Auch Arschlöcher darunter, natürlich.
Heimgeschichten
Heute bei Frau B. Haarwäsche mit Anti-Kalk-Effekt im Bad gefunden. Wusste gar nicht, dass es so was gibt. Kannte auch den speziellen Humor der Angehörigen von Frau B. noch nicht. Gleich mal bei ihr angewendet. Hoffe nun doch auf Besserung.
Gestern ein gut einstudiertes Theaterstück zur Aufführung gebracht, Grundpflegeprüfung genannt. Die hat mit dem Pflegealltag so viel zu tun, wie… Da fällt mir gar nichts ein. Ein einziger Beschiss jedenfalls. Weiß auch jeder. Macht nichts. Menschen, die perfekt verdrängen oder ihre Persönlichkeit spalten können, haben einen Heimvorteil in der Altenpflege. Habe also gute Karten.
März
Wir haben da einen im Heim, der erinnerte mich immer an irgendwen. Heute fiel es mir ein, es ist der März. Das heißt, er erinnert mich an das äußere Bild, das ich mir von ihm gemacht habe.
Fürsorgepflicht
Eine entwichene Lebenslängliche verunfallt auf selbstbeschlossenem Ausflug. Strenge Ermahnung bei Rückkehr. Die Außendarstellung ist heilig. Auf Bundestraßen liegende Lebenslängliche und Rollstühle wirken dem entgegen. Das muss man einsehen. Starke Kammschwellung bei allen Funktionsträgern.
Das Angebot der Lebenslänglichen den Versuch zu wiederholen und sich dabei überfahren zu lassen, wird mit dem Angebot eines zeitlich unbestimmten Klapsmühlenaufenthaltes gekontert. Spielabkürzung durch Selbstmord ist unfair! Wo es im Heim so schön ist!

