Archiv für die Kategorie ‘Literatur’
Lesefutter
Diesmal einen kurzen Roman von 190 Seiten aus der Bücherkiste befreit – Palladium von Perikles Monioudis. Kurz angelesen. Der Schreibstil gefällt mir. Und alles für 2,99 Euro.
Die letztens erworbenen Erzählungen von Undine Gruenter sind übrigens ganz hervorragend. Sie sagen mir nicht alle in gleichem Maße zu. Aber die meisten der bisher gelesenen sind berührend, liegen mir vom Sujet und vom Stil. Alle Erzählungen drehen sich um Menschen, die aus verschiedenen Gründen mit Alleinsein, Einsamkeit, Stille und Verlassenheit in einem französischen Seebad an der Kanalküste konfrontiert sind.
Freier Tag
Am frühen Morgen in die Firma gefahren, ein Röhrchen frischen Blutes dazulassen. Die Rückreise in traumhaftem Morgenlicht. Glühende Industrieruinen am Straßenrand.
Später eine Zeitung gekauft und wieder die Bücherwühlkiste in der Kaufhalle umgegraben. Unter der Abfallschicht von Groschenromanen, Rätsel- und Lebensberatungsbüchern ein paar Fundstücke. Am Ende einen Band mit Erzählungen von Undine Gruenter mitgenommen. Mängelexemplar – mir nicht erkenntlich. Die anderen guten wieder sorgsam unterm Abfall vergraben. Überhaupt, Erzählungen – die kleine Form reizt mich wieder sehr.
Liebesgedicht
Lösch mir die Augen aus: ich kann dich sehn,
wirf mir die Ohren zu: ich kann dich hören,
und ohne Füße kann ich zu dir gehn,
und ohne Mund noch kann ich dich beschwören.
Brich mir die Arme ab, ich fasse dich
mit meinem Herzen wie mit einer Hand,
halt mir das Herz zu, und mein Hirn wird schlagen,
und wirfst du in mein Hirn den Brand,
so werd ich dich auf meinem Blute tragen.
Rainer Maria Rilke, 1899
Napoleon
Im Mallorcabuch von George Sand findet sich eine ähnliche Napoleonverehrung wie bei Stendhal. Napoleon als Zerstörer der alten Ordnung und als Begründer eines neuen Frankreichs und Europas, der Gedanke begeistert mich auch (im Rahmen meiner Möglichkeiten). Wobei sich mir ab und zu die Frage stellt, hat Napoleon die Revolution nun verraten oder sie vollendet? Bin da etwas unentschieden.
Aber man kann nicht die Welt verändern und dabei den Grundsatz verfolgen niemandem wehzutun. Die Frage ist: Rechtfertigt das große Ziel die zu erbringenden Opfer oder nicht. Eine Frage die sich unsere lächerliche Konsens-Gesellschaft, die am Ende ja nicht mal eine ist, gar nicht mehr stellt.
Mallorca
Mir fiel aus dem Nachlass der Frau W. ein Taschenbuch mit putzig gestaltetem Einband in die Hand: „Ein Winter auf Mallorca“ von George Sand. Habe nun dieses begonnen zu lesen. Der Schreibstil ist etwas ungewohnt; altmodisch. Macht aber nichts.
Thomas
Der Luther ist aus, und weil es so schön war, gleich noch den Müntzer hinterher.
Reformatoren
Martin Luther wird mir ab dem Punkt unysmpathisch, an dem seine Lehre beginnt ins Dogmatische umzukippen. Also etwa ab 1525. Das gleiche bornierte Keifen, wie bei der katholischen Inquisition. Wahrscheinlich ist was dran an der Aussage, dass man dem, was man bekämpft, mit der Zeit immer ähnlicher wird.
Bei Thomas Müntzer fand ich übrigens dieses:
„Die Herren machen selber, daß ihnen der arme Mann feind wird.“
Heute ist das zum Glück alles ganz anders.
Das Eigentliche
Las kürzlich „Schloss Gripsholm“ im sechsten und letzten Band der Tucholsky Sammelausgabe. So hübsch melancholisch. Danach eine Auswahl von 1930 bis 1932. Die späten Werke sind von unüberhörbarer Resignation und Enttäuschung geprägt. „Leere“ (Lesen!) von 1930 gefällt mir besonders.
Ab September bin ich in der Psychiatrie. Wahrscheinlich hielt man es für angebracht. Das kam ganz unverhofft, man fragte mich nicht. Hoffentlich komme ich nicht gleich in die geschlossene Abteilung. Jaja, politisch korrekt und euphemistisch „beschützt“ genannt – auch so ein Witz. Hauptsache die Sprache gibt sich humanistisch, der Rest ist nicht so wichtig. Von dort jedenfalls hörte ich schon so manche wunderliche Geschichte. Mal schauen…
Man soll sich keine Illusionen machen – auf keinem Gebiet.
Adulter Wissensdurst
Bei mir geht’s ruhiger zu und doch trifft es auch auf mich zu, wenn er sagt: Jetzt, wo ich es wirklich erfassen kann in reiferem Alter, jetzt, wo ich mich wirklich darauf einlassen kann, möchte ich noch einmal studieren.
Das Unheil ist, daß wir zwischen dreißig und vierzig keinen Augenblick Atem schöpfen. Das Unheil ist, daß es hopp-hopp geht, bergauf und bergab – und daß doch gerade diese Etappe so ziemlich die letzte ist, in der man noch aufnehmen kann; nachher gibt man nur noch und lebt vom Kapital, denn fünfzigjährige Studenten sind Ausnahmen. Schade ist es.
Kurt Tucholsky, Ich möchte Student sein, 1929 (Unbedingte Leseempfehlung!)
Schicksal
Schicksal ist das Zusammentreffen deiner Eigenschaften mit der Welt – las ich bei Tucholsky¹. So gesehen muss ich mich über gar nichts wundern.
¹ Kurt Tucholsky, Erfolgreiche Leute, 1929

