Archiv für die Kategorie ‘Literatur’
Liebesgedicht
Lösch mir die Augen aus: ich kann dich sehn,
wirf mir die Ohren zu: ich kann dich hören,
und ohne Füße kann ich zu dir gehn,
und ohne Mund noch kann ich dich beschwören.
Brich mir die Arme ab, ich fasse dich
mit meinem Herzen wie mit einer Hand,
halt mir das Herz zu, und mein Hirn wird schlagen,
und wirfst du in mein Hirn den Brand,
so werd ich dich auf meinem Blute tragen.
Rainer Maria Rilke, 1899
Napoleon
Im Mallorcabuch von George Sand findet sich eine ähnliche Napoleonverehrung wie bei Stendhal. Napoleon als Zerstörer der alten Ordnung und als Begründer eines neuen Frankreichs und Europas, der Gedanke begeistert mich auch (im Rahmen meiner Möglichkeiten). Wobei sich mir ab und zu die Frage stellt, hat Napoleon die Revolution nun verraten oder sie vollendet? Bin da etwas unentschieden.
Aber man kann nicht die Welt verändern und dabei den Grundsatz verfolgen niemandem wehzutun. Die Frage ist: Rechtfertigt das große Ziel die zu erbringenden Opfer oder nicht. Eine Frage die sich unsere lächerliche Konsens-Gesellschaft, die am Ende ja nicht mal eine ist, gar nicht mehr stellt.
Mallorca
Mir fiel aus dem Nachlass der Frau W. ein Taschenbuch mit putzig gestaltetem Einband in die Hand: „Ein Winter auf Mallorca“ von George Sand. Habe nun dieses begonnen zu lesen. Der Schreibstil ist etwas ungewohnt; altmodisch. Macht aber nichts.
Thomas
Der Luther ist aus, und weil es so schön war, gleich noch den Müntzer hinterher.
Reformatoren
Martin Luther wird mir ab dem Punkt unysmpathisch, an dem seine Lehre beginnt ins Dogmatische umzukippen. Also etwa ab 1525. Das gleiche bornierte Keifen, wie bei der katholischen Inquisition. Wahrscheinlich ist was dran an der Aussage, dass man dem, was man bekämpft, mit der Zeit immer ähnlicher wird.
Bei Thomas Müntzer fand ich übrigens dieses:
„Die Herren machen selber, daß ihnen der arme Mann feind wird.“
Heute ist das zum Glück alles ganz anders.
Das Eigentliche
Las kürzlich „Schloss Gripsholm“ im sechsten und letzten Band der Tucholsky Sammelausgabe. So hübsch melancholisch. Danach eine Auswahl von 1930 bis 1932. Die späten Werke sind von unüberhörbarer Resignation und Enttäuschung geprägt. „Leere“ (Lesen!) von 1930 gefällt mir besonders.
Ab September bin ich in der Psychiatrie. Wahrscheinlich hielt man es für angebracht. Das kam ganz unverhofft, man fragte mich nicht. Hoffentlich komme ich nicht gleich in die geschlossene Abteilung. Jaja, politisch korrekt und euphemistisch „beschützt“ genannt – auch so ein Witz. Hauptsache die Sprache gibt sich humanistisch, der Rest ist nicht so wichtig. Von dort jedenfalls hörte ich schon so manche wunderliche Geschichte. Mal schauen…
Man soll sich keine Illusionen machen – auf keinem Gebiet.
Adulter Wissensdurst
Bei mir geht’s ruhiger zu und doch trifft es auch auf mich zu, wenn er sagt: Jetzt, wo ich es wirklich erfassen kann in reiferem Alter, jetzt, wo ich mich wirklich darauf einlassen kann, möchte ich noch einmal studieren.
Das Unheil ist, daß wir zwischen dreißig und vierzig keinen Augenblick Atem schöpfen. Das Unheil ist, daß es hopp-hopp geht, bergauf und bergab – und daß doch gerade diese Etappe so ziemlich die letzte ist, in der man noch aufnehmen kann; nachher gibt man nur noch und lebt vom Kapital, denn fünfzigjährige Studenten sind Ausnahmen. Schade ist es.
Kurt Tucholsky, Ich möchte Student sein, 1929 (Unbedingte Leseempfehlung!)
Schicksal
Schicksal ist das Zusammentreffen deiner Eigenschaften mit der Welt – las ich bei Tucholsky¹. So gesehen muss ich mich über gar nichts wundern.
¹ Kurt Tucholsky, Erfolgreiche Leute, 1929
Fünf vor zwölf
Mir fiel unlängst das Buch „Adel im Untergang“ von Ludwig Renn in die Hände. Umfasst den Zeitraum von 1910 bis zum Beginn des Krieges 1914. Unglaublich fern erscheinen die Schilderungen des Lebens als Offizier im 1. Leibgrenadierregiment, die Wachablösungen im Schloss, die Hofbälle. Doch noch nicht mal 100 Jahre her…
Übrigens kam es zur Internationalen Hygieneausstellung 1911 und zum Bau des Deutschen Hygienemuseums nur, weil der Odol-Lingner auf die Gräfin Montgelas scharf war. Man riet ihm sich sozial zu engagieren, so könne er die angepeilte Adelung am schnellsten erreichen. Man möchte ja gar nicht wissen, welche wahren Beweggründe hinter so mancher sozialen Tat stecken. Im Grunde ist’s auch egal.
Apropos wurde Lingner nicht geadelt sondern nur „Wirklicher Geheimer Rat“. Schöne Scheiße.
Eisberg: oben und unten
Stieß als ich über die Dietrich las auch auf Hemingway. Fand bei ihm die mir sehr zusagende Eisbergtheorie:
Wenn ein Prosaschriftsteller genug davon versteht, worüber er schreibt, so soll er aussparen, was ihm klar ist. Wenn der Schriftsteller nur aufrichtig genug schreibt, wird der Leser das Ausgelassene genauso stark empfinden, als hätte der Autor es zu Papier gebracht. Ein Eisberg bewegt sich darum so anmutig, da sich nur ein Achtel von ihm über Wasser befindet.
Wenn man so vermessen sein wollte, ein Blog als literarische Kategorie zu begreifen, passten diese Aussagen sehr gut. Problematisch nur: was mir gestern klar schien, ist es heute nicht mehr. Aber ist das wichtig? Aufrichtigkeit und Klarheit für einen Moment ist schon viel. Mehr ist nicht drin.

