Archiv für die Kategorie ‘Notizen’
Freier Tag
Am frühen Morgen in die Firma gefahren, ein Röhrchen frischen Blutes dazulassen. Die Rückreise in traumhaftem Morgenlicht. Glühende Industrieruinen am Straßenrand.
Später eine Zeitung gekauft und wieder die Bücherwühlkiste in der Kaufhalle umgegraben. Unter der Abfallschicht von Groschenromanen, Rätsel- und Lebensberatungsbüchern ein paar Fundstücke. Am Ende einen Band mit Erzählungen von Undine Gruenter mitgenommen. Mängelexemplar – mir nicht erkenntlich. Die anderen guten wieder sorgsam unterm Abfall vergraben. Überhaupt, Erzählungen – die kleine Form reizt mich wieder sehr.
Zu langsam
Heute einer unangekündigten Feuerübung im Gebäude beigewohnt. Zeitgleiche Evakuierung dreier Etagen über eine einzige Außentreppe. Es wurde viel gelacht. Rechne im Ernstfall mit einer kill rate oberhalb von zehn. Dann wird auch weniger gelacht werden.
Mopedmann
Am Hauptbahnhof auf nasses Kopfsteinpflaster legte sich ein dicker Mopedmann im Lederjäckchen. Setzte sich jedoch gleich wieder auf, um seinem funkensprühenden über das Pflaster scheppernden Zweirad hinterherzuschauen.
Der schwarz lackierte Stahlhelm (M35) saß noch korrekt, die Zigarette im Mundwinkel auch, nur der Gesichtsausdruck war etwas erstaunt. Ich wusste, was zu tun war und stieg nicht aus dem Auto aus, um seiner Coolness keinen Abbruch zu tun. Nach kurzer Pause stand er auf, sein Moped aufzuklauben und an den Straßenrand zu schieben.
Jurisprudenz
Der Anwalt ist so freundlich seinem Klischee zu entsprechen. Jung, Gelfrisur, dunkler Anzug, eloquent, eitel, selbstverliebt. Etwas nervend nur seine Eckart von Hirschhausen-Attitüde beim Sprechen. Überhaupt: das Genöle von Hirschhausen geht mir auf den Zeiger. Es war eine Zeitlang unterhaltsam; jetzt reizt nur noch zum Kotzen. Dafür kann der Anwalt nichts. Aber es trübt sein Bild etwas.
Ich finde die Rechtswissenschaften seit jeher unterhaltsam. Nicht das ich an Gerechtigkeit oder dergleichen glaubte, über diese kindlich Phase bin ich lange hinaus. Mir gefällt die vollkommen emotionslose Betrachtungsweise eines Falles; moralische Kategorien spielen wenn überhaupt nur eine mittelbare Rolle. Ein Umstand, der viele Menschen abstößt. Mich fasziniert das.
Flexibilität
Wollte heute eine Person tadeln und ihr einen belehrenden Vortrag halten, als ich sie beim Verzehr von weihnachtlichen Pfefferkuchen überraschte. Entschied mich jedoch blitzschnell um und bat um ein Anschauungsstück, welches ich dann stante pede fraß.
Geld
Unvermutet und vermutlich unberechtigt zu Geld gekommen. Bemerke in Folge gewisse Veränderung an mir. Die Beurteilung des kapitalistischen Wirtschaftssystems ist also abhängig von der persönlich zur Verfügung stehenden Geldmenge. Wer hätte das gedacht. Gebe mich meinem neuen Stand entsprechend nun deutlich konservativer. (Zumindest so lange, bis man mir mein Geld wieder abgenommen hat.)
Auf der Straße
Ein Herr Lehmann sprach mich an. Als ich von der Pferderennbahn kommend in mein Auto steigen wollte. Einen Gepäckträgern für’s Auto, an dem man Fahrräder befestigen könne – ob ich da einen brauchte. Er hätte einen. Nein, sagte ich, ich brauchte keinen Gepäckträger für Fahrräder. Ich hätte gar kein Fahrrad.
Ach so, sagte Herr Lehmann, und fuhr langsam mit seinem Rad zum nächsten parkenden Auto: „An das würde er auch passen.“
Innerer Reichtum
Meinen Jackpot hat ein anderer. Wie kommt der dazu? Ich hatte das Geld fest eingeplant. Wovon soll ich das Schloss jetzt bezahlen? Der macht sich nun einen schönen Lenz mit meinem Geld. Frechheit!
Dafür weiß ich seit gestern, dass ich drei Nieren habe – insgesamt. Die rechte ist doppelt. Braucht jemand eine? Beste Qualität und schon eingearbeitet! Ich kann sie nicht ganz billig abgeben (das Schloss!) aber sie ist jeden Cent wert. Nur ernstgemeinte Zuschriften von Kaufinteressenten erbeten.
Stubenrein
Bin ein ordentlicher Begeher leerstehender Häuser. Benutze sogar die Toiletten bei Bedarf, selbst wenn sie nicht mehr funktionieren, und pinkle nicht einfach in die Ecken. (Selbstverständlich frequentiere ich immer die Herrentoilette.)
In diesem Zusammenhang eine Bitte an die hier lesenden Vandalen: Bitte immer wenigstens ein Urinal nicht zerschlagen. Vielleicht bin ich noch nicht da gewesen.
Schreibkram #2
Es sind die teuren chinesischen Nachbau-Moleskines geworden. Als ob ich’s nicht gewusst hätte. Sage noch einer, Werbung – besonders die dezente, die einen beim Ehrgeiz packt oder beim Größenwahn – funktioniere nicht. Bin nahezu überzeugt in die teuren Maulwürfe höherwertiges Zeugs hineinzuschreiben, als in ihre billigen Verwandten. Beginne nun sicher auch bald Daiquiri zu trinken.

