Alternativlos?

Die neue Bewohnerin ist extrem depressiv, möchte gerne tot sein, äußert das immer wieder. Sie ist schwer krank, klar im Kopf und sich ihrer Situation bewusst. Angeordnet: Obacht bei der Medikamentenausgabe. Man befürchtet, sie könnte ihre Schlaftabletten sammeln und ihren Wunsch verwirklichen. So etwas bringt mich in Verlegenheit. Habe ich das Recht einem Menschen diesen Schritt zu verwehren, wenn er nicht aus einer momentanen Verwirrung heraus geäußert wird? Was ist menschlich, was ist unmenschlich? Leben um jeden Preis als höchstes Gut? Was ist mit der Würde?

4 Gedanken zu “Alternativlos?

  1. Bin da auch etwas ratlos. An sich plädiere ich dafür, dass jeder selbst entscheiden sollte, ob er seinem Leben ein vorzeitiges Ende setzen möchte. Vorausgesetzt natürlich – wie du schon sagst – dass dieser Wunsch nicht aus einem temporären Zustand der Verwirrung bzw. aus einer Kurzschlusshandlung heraus gefasst wird.

    Bei der Dame in deinem Beitrag neige ich dazu, dass man sie nicht gegen ihren ausdrücklichen Wunsch in einem Leben festhalten sollte, das ihr selbst so wenig lebenswert erscheint. Gerade wenn sie bei klarem Verstand ist. Allerdings würde ich als Pfleger trotzdem den Anweisungen meines Vorgesetzten Folge leisten, wegen möglicher straf- und dienstrechtlicher Konsequenzen. Aber dann wirklich nur Dienst-nach-Vorschrift-mäßig und nicht allzu aufmerksam gegenüber Suizidmöglichkeiten und -gelegenheiten für die Dame. Trotzdem hätte ich ihr gegenüber ein schlechtes Gewissen aufgrund des Widerspruch zwischen meinem eigenen privaten Standpunkt und der offiziellen Dienstpflicht.

  2. Seien wir ehrlich: Man ist zu müde, um sich wirklich mit den Problemen anderer Menschen zu befassen. Was richtig und was falsch ist, macht sich dann nur noch daran fest, was einem den größeren Aufwand/Mehrarbeit beschert. Nur manchmal, wenn die Synapsen, ein wenig Luft haben, dämmert eine Ahnung herauf, wie absurd und unmenschlich das System und man selber geworden ist. Ganz schnell fällt man jedoch wieder in seine Gleichgültigkeit zurück und zuckt, wenn überhaupt, nur mit den Achseln.

  3. Ich kann mich nicht entscheiden, ob diese (verständliche!) Gleichgültigkeit jetzt Anlass zur Besorgnis geben sollte oder ob sie einen durchaus gnädigen Zustand darstellt … im letzteren Fall wären dann eher die klaren Momente, in denen man den ganzen Irrsinn des Systems erkennt, das Problem. Sand im Getriebe eben.

    Mein Großvater meinte immer: Selig sind die Bekloppten, denn sie brauchen keinen Hammer. ;)

    Wünsche dir ein schönes Wochenende. Werde mir jetzt erstmal einen Hammer besorgen – oder ausschlafen …

  4. Die klaren Momente sind das Problem. Einige versuchen sie mit Alkohol zu behandeln, mit Nikotin in hohen Dosen oder sie bekommen gleich vom freundlichen Psychiater bunte Pillen zur Herstellung einer sedierten Gemütsverfassung. Bei mir ganz anders. Ich verdränge in großem Umfang. Verdrängung ist eine meiner wenigen ganz großen Fähigkeiten.

    Ich verbringe mein schönes Wochenende mit Spätdienst in der Kasperbude. Dir mehr Spaß mit deinem Hammer bzw. im Bett. :o)

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