Aufgehoben

„Vielleicht steckt ja hinter allem nur diese simple Sehnsucht – nach einer unbekannten Frau, die plötzlich auf dich zukommt und dich umarmt und dich nicht mehr loslässt, weil sie gesehen hat: dass du es bist. Dass du der bist, der es mehr als jeder andere verdient. Ja, vielleicht ist es das: Du willst gefunden werden, aufgehoben wie eine Muschel, in der das Meer rauscht und die schließlich ein Plätzchen auf der Kommode eines Mädchenzimmers bekommt.“

Peter Drehmanns, Immer nur begraben

9 Gedanken zu “Aufgehoben

  1. Das kann unterschiedlich sein. Heute vormittag erst, betrunken am Schreibtisch, dachte ich: Es ist die Ansprache – wahrgenommen zu werden. Als ob man nur dadurch existiert, daß man von einem anderen Menschen wahrgenommen wird. (Ich glaube, es ist noch Restalkohol vorhanden; ich finde gerade keine anderen Worte.)

  2. Es funktioniert ja auch immer nur zeitweise. Ich kann den Mann für eine gewisse Zeit auf meiner Kommode deponieren, doch irgendwann wird es ihm langweilig werden, und vielleicht gibt es auch noch andere Muscheln, die einen Platz brauchen, wer weiß das schon. — Einfach nur Objekt zu sein?

    Aber: Ja. Das Herauskehren der Besonderheit des eigenen Ichs, das ist die Crux. Das ist, was jeder Mensch verdient und erfahren sollte.

  3. Wenn ich die Muschel lieben würde, würde ich sie zurück ans Meer bringen, in ihre Heimat. Anschließend würde ich weggehen, ihr still in Gedanken verbunden, bis wir uns irgendwann wiedersehen werden würden. Gehen, Zeit alleine verbringen, wiedersehen und die gemeinsame Zeit genießen, gehen … manchmal mitnehmen, wiederbringen.
    Willkommen sein auch nach längerer Abwesenheit. Auf Verständnis stoßen, nichts erklären müssen, frei sein und doch zu wissen, dass man nicht alleine ist.

  4. Wer will schon als Nippes auf einer Kommode enden… obwohl es vielleicht ganz anders gemeint ist. Als besonderer Platz im Leben eines anderen Menschen vielleicht. Aber gefunden, gesehen, erkannt werden, wer will das nicht.

  5. Beachtung zu finden, wirklich erkannt zu werden hinter seiner Maske, das ist, was man sich wünscht und vor dem man Angst hat, weil es angreifbar macht und keine Erlösung garantiert.

  6. Aber ein paar Masken weniger zu tragen. Vielleicht nur eine ganz dünne, die man an guten Tagen oder jahrelang nicht spürt – bis sie einem plötzlich unvermittelt wieder vor die Augen fällt und daran erinnert, daß es früher noch ganz andere gab.
    Solange es als Wagnis erscheint, seine Dünnhäutigkeit zuzugeben, solange braucht man seine Masken.

  7. Vielleicht eine Maske zu tragen, die automatisch erkennt, wem man sich zeigen kann und wem nicht und sich entsprechend selbst reguliert. Man selbst täuscht sich ja so oft oder hat Angst sich zu täuschen, was schon reicht, und hat zudem so einen ausgeprägten Fluchtreflex.

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