Pawlow

Der Geruch nach fauligem Gestrunke, wenn man an vergilbenden Rapsfeldern vorbei fährt, erinnert mich immer an die junge Anhalterin, die ich vor Jahren einmal mit dem Auto mitgenommen habe. Ich hatte sie gleich gesehen, war aber nicht geistesgegenwärtig genug sofort anzuhalten, da ich sonst keine Anhalter mitnehme. So fuhr ich einen großen Bogen durch den Ort und hypnotisierte mich selbst mit dem Mantra: Wenn sie noch da steht, nimmst du sie mit; wenn sie noch da steht, nimmst du sie mit; …

Sie stand noch da. Und ich nahm sie mit. Sie wollte nach Dresden irgendwohin in die Neustadt und ich sollte sie am Hauptbahnhof rauslassen. Ich weiß nicht mehr genau worüber wir während der Fahrt gesprochen haben. Aber ich weiß noch, dass wir an vergilbenden Rapsfeldern vorbei fuhren, die nach fauligem Gestrunke rochen und dass ich sie nicht am Hauptbahnhof rausgelassen, sondern direkt in die Neustadt gefahren habe.

Werte

„Dieses ewige teutonische Drängen und Wollen und mehr und noch mehr, diese Unruhe, anstatt sich zu besinnen und fragen: Wo und was sind die wirklichen Werte? Sie reden über den polnischen Bauern, ‚diese faulen Kerle‘. Wenn der müde ist, will er schlafen und sich ausruhen. Das ist eine Entschlußfähigkeit, die ich menschlich bewundere. Nicht dieses Drängeln, dieses Müssen, dieses ewige Schaffen “

Lovis Gremliza, geb. 1912 in Stuttgart, aus Henry Ries, »Abschied meiner Generation«, Interview vom 4. Mai 1991, München

Selbstauskünfte

Ich lese gerade Henry Ries, »Abschied meiner Generation«. Ein Buch mit Interviews von Menschen über ihr Leben im Dritten Reich. Auslöser für dieses Buch war ein Klassentreffen in Berlin 1985, bei dem der als Heinz Ries 1917 in Deutschland geborene Autor, der 1938 aufgrund seiner jüdischen Herkunft in die USA emigrierte, eine Handvoll ehemaliger Klassenkameraden wiedertraf.

Dieses Klassentreffen hinterließ bei Ries einen bitteren Nachgeschmack. Die Gespräche drehten sich um die Schulzeit und über die Veränderungen im Schulbetrieb nach 1933 und was danach kam. Viele, das eigene Verhalten, den eigenen Opportunismus relativierende, bornierte Aussagen wurden gemacht. Bald empfand sich Ries als Störenfried, als einer der gesetzte Herren bei der selbstzufriedenen Nabelschau behindert.

„Du kannst uns nicht verstehen, Heinz. Du hast es leicht gehabt. Du bist weggegangen.“

So entstand das Bedürfnis, das Erleben der Dagebliebenen im Nationalsozialismus und ihre eigene Einordnung desselben aufzuzeichnen so lange sie selbst noch davon berichten können. Die »ZEIT« brachte 1992 einen Beitrag über das damals gerade neu erschienene Buch: heute noch zu lesen.

Tatortreiniger

Letzte Aufräumarbeiten in der Klinik. Gestern sah das dank meiner Naivität anfangs nach einem einfachen Vorhaben aus – Spind ausräumen, Sachen und Schlüssel abgeben und weg – wurde aber rasch kompliziert. So leicht kommt man nicht davon.

Auf einem Laufzettel muss man von Hinz und Kunz, die selbstverständlich in dem Riesengelände ganz verstreut untergebracht sind, Unterschriften einsammeln. Ich versuchte aus manifestierter Vermeidungshaltung heraus keinem von den alten, neuen Kollegen zu begegnen. Das gelang auch fast. Immer Angst sich erklären zu müssen.

Schwarzweiß

Nach einiger Eingewöhnung ist die Ausbeute an akzeptablen Negativen bei Verwendung von Schwarzweißfilm wesentlich größer als bei Farbfilm. Von der – für mich – einfacheren Scanbearbeitung mal abgesehen. Neben dem Fortfall der Farbe gefällt mir vor allem der höhere mögliche Abstraktionsgrad. Man klebt nicht so an der Realität. Linien, Flächen, Formen und Strukturen, hell und dunkel – das ist es.

Zinnwald

Unterwegs in den Kammlagen des Osterzgebirges. In Zinnwald die monströse und nach wenigen Jahren der Nutzung wieder stillgelegte ehemalige Grenzzollanlage besucht. Zwölf betonierte Hektar. Ein ökologischer Alptraum und auch unter Hochwasserschutzaspekten eine Katastrophe. Nun stehen die meisten der fast noch neuen Gebäude leer und in den Betonfugen wächst das Gras.

Später zu den Lugsteinen gelaufen vorbei am »Lugsteinhof«, früher ein Erholungsheim der Staatssicherheit heute ein Hotel, vorbei an der Wetterstation des DWD, wo der am 12./13. August 2002 bis heute geltende 24h-Niederschlagsrekord von 312 l/m² gemessen wurde und am Georgenfelder Hochmoor. Auf dem Rückweg mein erstes Birkhuhn gesehen.