Endstation

Gleich wenn man den Friedhof betritt, steht vorne rechts die neue Stele eines Gemeinschaftsgrabes. Die ersten beiden Namen, die darauf stehen gehören Leuten, die im neuen Pflegeheim gestorben sind. Es waren mit die ersten Toten des neu eröffneten Hauses. Das irritiert mich immer wieder, wenn ich den Friedhof besuche, obwohl inzwischen etliche weitere dazu gekommen sind.

Kein Weg

»Jedem anderen, außer mir, wäre er [der Großvater] ein Wegbereiter gewesen, aber ich war niemals ein Mensch für einen Weg. Ich bin keinen Weg gegangen im Grunde, wahrscheinlich, weil ich immer Angst gehabt habe davor, einen dieser endlosen und dadurch sinnlosen Wege zu gehen. Wenn ich wollte, habe ich mir immer gesagt, könnte ich. Aber ich bin nicht gegangen. Bis heute nicht. Es ist etwas geschehen, ich bin älter geworden, ich bin nicht stehengeblieben, aber ich bin auch nicht einen Weg gegangen.«

Thomas Bernhard, Der Keller

Fortbildung

Man schickt mich zu einer dreitägigen Fortbildung. Ein weitläufiger Komplex am Waldrand mit baulich beeindruckendem Gebäudeensemble und eigenem Hotel. Ursprünglich ein Reformschulprojekt in den 1920’er Jahren, später eine nationalpolitische Erziehungsanstalt für den Nazinachwuchs, dann von der Roten Armee genutzt, erklärt uns der Seminarleiter.
Ich sitze neben einem ehemaligen polnischen Offizier, der als Psychotherapeut an einer Berliner Suchtklinik arbeitet und sich, wie er erzählt, in Polen ein Haus baut, um dort seinen Lebensabend zu verbringen. Ein ruhiger Typ, der die Nutzlosigkeit der Fortbildung auch gleich erkennt und in prägnante Worte fasst. Ich sehe es genauso: Aufgeblähte Leichtkost, die man an einem einzigen Tag abspulen könnte. Aber man wird dafür bezahlt, es sich drei Tage mit vielen und langen Pausen – die es einem ermöglichen, die Umgebung zu erkunden – anzuhören. Verpflegung und Unterkunft sind ausgezeichnet und inklusive, das Ambiente herrlich, die Reisekosten werden erstattet und man lernt interessante Leute kennen. Wurden Versichertengelder je besser angelegt?

Kleine Voliere

Gestern eine Bachstelze gerettet. Sie war im Führerhaus einer Planierraupe gefangen. Keine Ahnung, wie sie da hinein gekommen war. Sie stieß wild flatternd gegen die Scheiben und piepte um Hilfe. Die Planierraupe stand mitten in der prallen Sonne, es war Wochenende, der Planierraupenfahrer würde erst Montag wieder zur Arbeit kommen. Ich schwankte zwischen der »Natur ihren Lauf lassen« und »Scheibe einschlagen«. Wie immer unschlüssig.

Auf der anderen Seite: Die Planierraupe war uralt und abgeranzt, sie stand in einem einsamen Steinbruch, den zu betreten verboten ist, woran sich außer mir jeder hält. Wozu so ein altes Gerät abschließen? Nahezu kaputt ist es schon, da klaut niemand was. Vermutlich ist der Schlüssel schon vor zwanzig Jahren verloren gegangen. Und tatsächlich die Tür war unverschlossen. Also dem Tier einen Fluchtweg eröffnet und abgewartet. Wahrscheinlich aus Erschöpfung des Vogels tat sich lange gar nichts. Dann hab ich ihn ein bisschen aufgescheucht, er flog zum Abschied gegen alle drei verbliebenen Glasflächen und schließlich durch die offene Tür davon.