Immer was los

Mit einem Marokkaner Nachtdienst gehabt, der die Speisenvorschriften des Ramadan sehr ernst nimmt. Essen und Trinken nur zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang, dazwischen rein gar nichts. Der Arbeitsanfall richtet sich leider nicht nach diesen Vorgaben, man muss Leistung bringen auch mit leerem Magen. Hat sich aber trotzdem ganz gut gehalten. Ein paar Nächte später trinkt eine Oma dafür um so mehr, Schnaps aus großen Flaschen in unfassbaren Mengen. Sie lallt und schreit abwechselnd und dekoriert ihr Zimmer um, diplomatisch ausgedrückt. Alkoholiker gehen mir unglaublich auf den Sack, undiplomatisch ausgedrückt. Da ist mir der Vorfall mit der im Bad umgefallenen Frau, die wie ein abgestochenes Schwein blutete (Thrombozytenaggregationshemmer galore), fast lieber.

Sterbefälle

Kenne nun tätigkeitsbedingt viele Bestattungsunternehmen der näheren und ferneren Umgebung. Immer wieder kurze aber interessante Gespräche mit den Sargträgern, die nachts die Verstorbenen abholen kommen. Meist sind es Männer, es waren aber auch schon einige Frauen dabei. Helfe dann manchmal beim Einsargen sperriger Leichen.

Die Ärzte, welche die Leichenschau durchführen nicht minder interessant. Manche ganz penibel und nach Lehrbuch vorgehend, lassen die Leiche drehen, um sich die Ausbildung der Totenflecken anzuschauen und versuchen Herztöne mit dem Stethoskop zu erlauschen. Andere schauen nur kurz auf den Toten ohne ihn anzufassen und fragen mich ob vielleicht ein Messer im Rücken steckt. Ich verneine wahrheitsgemäß.

Herr K.

Neulich fiel Herr K. bei den Mülltonnen tot um. Ein etwas sonderlicher Schizophrener mit Verwahrlosungstendenz, ein netter Kerl Mitte fünfzig. Hat nachts selten geschlafen, nur geraucht, Kaffee getrunken und gegessen was er finden konnte. Manchmal hat er mir einen Kaffee vorbei gebracht oder Reiseführer und Zeitschriften über Tiere und wir haben uns ein bisschen unterhalten. Ich werde ihn vermissen.

Gedankenspiel

Quick and dirty wegen Jetlag nach vielen, langen Nachtdiensten zusammenphantasiert:

Man könnte die neue Sau DSGVO, die gerade durch das germanische Dorf getrieben wird, ab dem 25. Mai 2018 auch einmal dafür nutzen, seinem Arbeitgeber den Puls ein wenig hochzutreiben. Das Anrufen im Frei zum Beispiel ist in der Pflege eine weit verbreitete Unsitte. Was können die Mitarbeiter jedoch für die grundsätzlich mangelhafte Personalausstattung im Pflegeheim, diese ist eine Organisationsaufgabe des Arbeitgebers. Ein permanenter Mangel ergo ein Organisationsverschulden desselben. Mal abgesehen davon, dass dieses Vorgehen auch gegen andere Vorschriften verstößt, könnte man das Anrufen von Mitarbeitern in ihrem geplanten Frei zum Beheben des vom Arbeitgeber selbst verschuldeten Missstandes auch als missbräuchliche Nutzung von Mitarbeiterdaten seitens des Arbeitgebers hinstellen. Denn ich und andere haben der Nutzung ihrer Telefonnummer für diese Zwecke meines Wissens nie zugestimmt. Falls doch, könnte man widerrufen, was jederzeit möglich ist, und für den Wiederholungsfall eine kostenpflichtige Abmahnung ankündigen.

Keine Ahnung ob das funktioniert, wahrscheinlich nicht, aber es beschäftigt den Feind und das alleine zählt schon.

Die Zeit läuft ab

Vor ein paar Tagen starb mir nachts wieder eine Frau. In der vorhergehenden Nacht zeichnete sich der rasche Verfall bereits ab, gegen halb vier Uhr morgens rief ich die Tochter an um ihr zu sagen, dass ihre Mutter im Sterben liegt. Ich mache das furchtbar ungern, fremde Leute nachts mit solchen Nachrichten aus dem Bett zu klingeln. Ich habe mir trotzdem angewöhnt, ihnen den in meinen Augen bald bevorstehenden Tod ihrer Angehörigen mitzuteilen und ihnen die Gelegenheit zu geben, sie noch einmal zu sehen, wenn sie es möchten. Für die meisten ist das von großer Bedeutung auch wenn es ihnen manchmal erst sehr viel später bewusst wird. Meine eigene Befindlichkeit hat dabei keine Rolle zu spielen.

Alt aber kein Idiot

Wieder ein Suizidversuch in der Anstalt. Ich stehe solchen Unternehmungen gespalten gegenüber. Bei Würdigung aller Umstände: zunehmender Persönlichkeitsverlust, körperlicher Verfall, unwürdiges Lebensumfeld in einem Pflegeheim, Empfinden der eigenen Existenz als Ballast für sich selbst und die anderen, keinerlei Perspektive auf Besserung etc. … Wie kann ich einem Menschen unter diesen Umständen absprechen nicht noch mit seinen letzten Kräften und selbstbestimmt dem Grauen ein Ende bereiten zu wollen? Jetzt sitzt er in der geschlossenen Psychiatrie und wird wieder eingenordet, wie ich es nenne. Danach ist bestimmt alles gut.

Vortrag

Mit N. bei einem Vortrag gewesen. Später in einem Restaurant gegessen, unterhalten und durch die Stadt gewandert. Alles ganz harmlos, ungezwungen aber keineswegs banal. Sehr angenehm. Konklusion: Ich kann auch »Sozialleben«. Einzelgängerisches Verhalten dennoch bevorzugt.

Bei den Guten

Zwei Tage zur Fortbildung gewesen. Dieses Mal überwiegend Rettungsassistenten anwesend. Naturgemäß sehr technikaffin. Der Veranstalter nervend mit Geduze und Kameradengetue, übersteigertes Sendungsbewusstsein inklusive. Das nimmt durchaus stellenweise Sektencharakter an. Meine Misanthropie wird ungewollt immer weiter genährt …

Nighthawk

Seit einigen Monaten mache ich fast nur noch Nachtdienste. Ich kann mir nichts anderes mehr vorstellen. Mir gefällt der entgegen gesetzte Lebensrhythmus. Das ist das eine. Fast noch wichtiger ist mir weitgehend allein arbeiten zu können. Einen Assistenten habe ich noch, je nachdem wie der gestrickt ist, ist mir selbst diese eine Person manchmal zu viel. Vielen macht das Angst, allein zu sein und richtig entscheiden zu müssen, keine zweite Fachmeinung einholen zu können, denn irgendeiner der Bewohner dreht immer durch, versucht sich umzubringen, kollabiert aus Gründen, stürzt oder stirbt einfach. Mir gefällt genau das, selber entscheiden und Prioritäten setzen zu können und zu müssen, so kräftezehrend es auch ist.