Niedergang

Die Mondfinsternis konnte ich nur kurz beobachten, dann nahm mich wieder die örtliche Finsternis in Form der Psychotiker in Anspruch. Die eine hatte Kreuzottern im Schlüpfer, die andere große Angst vor einem Tier unter dem Bett und dem Mehl im Kopfkissen. Unter den Irren gibt es einfache Charaktere genauso wie Akademiker mit Doktortitel. Alkoholiker haben wir auch, die von Selbstmord faseln dafür aber zu betrunken sind, in ihrer Scheiße liegend den Klosterfrau Melissengeist in großen Schlucken verzehrend. Manchmal habe ich das Gefühl hier im Kleinen den Untergang der menschlichen Zivilisation zu erleben. Alles Agonie, nichts Lebenswertes, nichts Erhaltenswertes. Man wünscht sich nur, dass alles bald vorbei wäre.

Alles gut

Wieder einmal nachts einen Ehemann angerufen und ihm mitgeteilt, dass seine Frau verstorben ist. Routiniert in diesen Abläufen mittlerweile. Sie war noch nicht einmal besonders alt. Mit dem Tod und den Toten keinerlei Berührungsängste, unerträglich und empörend allerdings die abwesende Pflege und Betreuung als sie noch am Leben waren. Wortreich und blumig dargestellte Fake-Pflege zu stark überhöhten Preisen ist das was stattfindet. Weiß jeder, könnte jeder wissen. Interessiert keinen oder nur für die Zeit, in der die eigene Verwandschaft betroffen ist. Ein guter Kommentar, der es im Wesentlichen auf den Punkt bringt. Aber wie gesagt, es interessiert keinen.

Kompagnon

Nachtdienst mit einem älteren Semester. Wenige Jahre vor der Rente stehend hat es ihn in die Pflege gespült. Ungefragt er erzählt mir seine Lebensgeschichte in kurzweiliger Form. Er verkörpert den Typus des umtriebigen, schlitzohrigen und improvisationsgeübten DDR-Bürgers. Auch einmal angenehm es mit einer lebenserfahrenen und lebensklugen Person zu tun zu haben. Die anderen haben in der Regel ein unterirdisches Bildungsniveau, keinerlei nennenswerte Interessen oder weiterführende Fähigkeiten, wenn man pausenloses Handygefummel nicht zählen will.

Der Abschluss der Nachtdienstsession unschön; am Morgen vergisst einer der Insassen, dass er nicht laufen kann, steht aus dem Bett auf, fällt sofort um und zieht sich bei der Gelegenheit eine monströse Platzwunde an der Schläfe nebst anderen Verletzungen zu. Ich finde ihn später in seiner großen Blutlache. Das zahlreiche Auftreten derartiger dramatischen Ereignisse hat einen gewissen abstumpfenden Effekt auf mich. Solange man das noch in der Lage ist zu erfassen, scheint es mir jedoch noch nicht so schlimm.

Nerven, Würde und Co.

Die letzten Nachtdienste waren nervenaufreibend, zwei Tote, Stürze und die Dementen machten höllischen Rabbatz. Das kann sich niemand vorstellen. Ich merke, wie ich an meine Grenzen komme. Vor allem das Treiben der Dementen macht mich wahnsinnig, ihre Unruhe, ihr ewiges Geschreie, ihre Aggressivität und ihr permanentes sinnlose Wortgestammel. Ich verspüre den Drang ihnen einfach so lange in die Fresse zu schlagen bis sie endlich still sind. Wahrscheinlich fangen so Mordserien in Krankenhäusern und Pflegeheimen an.

Alzheimer und Co. sind Krankheiten, die an Bösartigkeit kaum zu überbieten sind. Sie löschen erst deine Persönlichkeit Schritt für Schritt aus, alles was dich als menschliches Individuum ausmachte wird zerstört, nichts bleibt davon übrig, und erst ganz am Ende ist sie endlich so gnädig deine jämmerliche Restexistenz zu erledigen.

Mein kleines bitteres Fazit: Ich kann nur jedem raten, der die ersten Auswirkungen dieser Krankheit spürt, mit Würde und selbstbestimmt abzutreten, so lange er noch die Möglichkeit dazu hat. Mir fällt da immer Gunter Sachs ein, der auf diese Weise gehandelt hat.

Kryptisch

Angeschlagen, Moral zerrüttet, die bisherige Strategie funktioniert nicht. (Hatte ich eine Strategie?) Eine neue muss her. Mehrfrontenkriege überfordern mich seit je. Vielleicht hätte der Oberst Rat gewusst, als alter Militärmann, aber der Oberst ist tot. Nach Ruhe sehnt sich der Krieger und nach Frieden. Ein paar Nocturnes von Chopin als Balsam helfen für den Augenblick.

Später mit N. ein Spaziergang über Stock und Stein, Berg und Tal. Ich mag Frauen sehr, vor allem die stillen und introvertierten. Auch wenn ich ihnen gegenüber etwas befangen bin aber mit der Zeit wird es immer besser. Wenn ich mir dereinst auf dem Sterbebett etwas vorzuwerfen haben werde, dann zu wenig Zeit mit Frauen verbracht zu haben. Mit Sex hat das übrigens nur am Rande zu tun.

Schnuppen gucken

Nachts, als gerade keiner schreit oder stürzt oder stirbt, sitze ich in einem Korbstuhl auf der Dachterrasse mit dem Kopf im Nacken. Im Norden flimmert die Stadt über mir die Sterne. Ich zähle drei Sternschnuppen. Keine sehe ich direkt. Der Himmelssektor, der von mir angestarrt wird ist just immer sternschnuppenfrei. Aber aus den Augenwinkeln erwische ich sie doch. Da ich nicht so viele Wünsche habe, bringe ich sie mehrfach vor um sicher zu gehen.

Keine Zeit

N. gräbt tagsüber in der unerbittlichen Sommerhitze neolithische Scherben aus. Ich hingegen hantiere des nachts mit Verrückten, höre mir ihre Geschichten von Gedankenbeeinflussungsmaschinen an, die im Nachbarhaus installiert sind, oder solche von roten Punkten (Fernseher), die sie beobachten und verfolgen. Manchmal finde ich auch einen toten Bewohner in seinem Bett. So hat jeder seine Beschäftigung. Nur gemeinsam spazieren zu gehen, dafür haben wir keine Zeit mehr.

Immer was los

Mit einem Marokkaner Nachtdienst gehabt, der die Speisenvorschriften des Ramadan sehr ernst nimmt. Essen und Trinken nur zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang, dazwischen rein gar nichts. Der Arbeitsanfall richtet sich leider nicht nach diesen Vorgaben, man muss Leistung bringen auch mit leerem Magen. Hat sich aber trotzdem ganz gut gehalten. Ein paar Nächte später trinkt eine Oma dafür um so mehr, Schnaps aus großen Flaschen in unfassbaren Mengen. Sie lallt und schreit abwechselnd und dekoriert ihr Zimmer um, diplomatisch ausgedrückt. Alkoholiker gehen mir unglaublich auf den Sack, undiplomatisch ausgedrückt. Da ist mir der Vorfall mit der im Bad umgefallenen Frau, die wie ein abgestochenes Schwein blutete (Thrombozytenaggregationshemmer galore), fast lieber.

Sterbefälle

Kenne nun tätigkeitsbedingt viele Bestattungsunternehmen der näheren und ferneren Umgebung. Immer wieder kurze aber interessante Gespräche mit den Sargträgern, die nachts die Verstorbenen abholen kommen. Meist sind es Männer, es waren aber auch schon einige Frauen dabei. Helfe dann manchmal beim Einsargen sperriger Leichen.

Die Ärzte, welche die Leichenschau durchführen nicht minder interessant. Manche ganz penibel und nach Lehrbuch vorgehend, lassen die Leiche drehen, um sich die Ausbildung der Totenflecken anzuschauen und versuchen Herztöne mit dem Stethoskop zu erlauschen. Andere schauen nur kurz auf den Toten ohne ihn anzufassen und fragen mich ob vielleicht ein Messer im Rücken steckt. Ich verneine wahrheitsgemäß.

Herr K.

Neulich fiel Herr K. bei den Mülltonnen tot um. Ein etwas sonderlicher Schizophrener mit Verwahrlosungstendenz, ein netter Kerl Mitte fünfzig. Hat nachts selten geschlafen, nur geraucht, Kaffee getrunken und gegessen was er finden konnte. Manchmal hat er mir einen Kaffee vorbei gebracht oder Reiseführer und Zeitschriften über Tiere und wir haben uns ein bisschen unterhalten. Ich werde ihn vermissen.