Kryptisch

Angeschlagen, Moral zerrüttet, die bisherige Strategie funktioniert nicht. (Hatte ich eine Strategie?) Eine neue muss her. Mehrfrontenkriege überfordern mich seit je. Vielleicht hätte der Oberst Rat gewusst, als alter Militärmann, aber der Oberst ist tot. Nach Ruhe sehnt sich der Krieger und nach Frieden. Ein paar Nocturnes von Chopin als Balsam helfen für den Augenblick.

Später mit N. ein Spaziergang über Stock und Stein, Berg und Tal. Ich mag Frauen sehr, vor allem die stillen und introvertierten. Auch wenn ich ihnen gegenüber etwas befangen bin aber mit der Zeit wird es immer besser. Wenn ich mir dereinst auf dem Sterbebett etwas vorzuwerfen haben werde, dann zu wenig Zeit mit Frauen verbracht zu haben. Mit Sex hat das übrigens nur am Rande zu tun.

Malaisen

Migräne, dass die Schwarte knackt. Zum Glück abklingend. Der bewährte Versuch, sie einfach zu ignorieren. Halt die Fresse Gehirn und mach deine Arbeit.
Die Katze wird frech auf die alten Tage, klaut Käse und Wurst vom Tisch. Ansonsten erbricht sie mir etwas viel in den letzten Wochen. Eine Wurmkur und Schonfutter bestellt und einen großen Kanister des bewährten Kotzfleckenentferners. Die Teppiche zeigen mittlerweile interessante Muster.

Neuankömmlinge

Die ersten Mädchen sind eingezogen in das, was ich einfach Kinderheim nenne eigentlich aber therapeutische Wohngemeinschaft heißt. Sie machen Seifenblasen auf der Feuertreppe, hüpfen mit Springseilen im Hof herum oder sitzen weinend auf den Pflastersteinen. Sie tun mir leid und sie rühren mich. Keine Familie zu haben oder bestenfalls eine dysfunktionale ist keinem Kind zu wünschen. Ich würde gerne eins oder zwei adoptieren, verstehe allerdings nichts von der Kinderaufzucht. Sie kämen vermutlich vom Regen in die Traufe.

Am Nachmittag

Vor ein paar Tagen an einem auf dem Fußweg im strömenden Regen sterbenden Mann vorbeigekommen. Passanten bemühten sich vergeblich. Später erfahren, dass es der Ehemann einer Kollegin war. Schlagartig wurde mir bewusst, dass ich keinerlei ernstzunehmende Probleme habe. Die Lächerlichkeiten, die ich dafür hielt, zählen nicht.

Haudrauf

Nachts Migräne. Beim Umdrehen im Bett ist höchste Vorsicht geboten sonst schlägt mir ein unsichtbarer Grobian mit seinem Vorschlaghammer besonders hart auf den Schädel, sodass es minutenlang nachhallt. Wenn der Gong im Kopf langsam abebbt, ist es inzwischen Zeit, sich wieder umzudrehen und das Spiel beginnt von vorn. Gegen Morgen lässt die Intensität nach, wahrscheinlich wird der Grobian langsam müde. Am Vormittag Erschöpfung aber auch große Klarheit im Kopf.

Unbedingt

Manchmal bin ich froh über meine Emotionslosigkeit, die in Wirklichkeit gar keine Emotionslosigkeit ist. Ich verwende nur unglaublich viel Energie darauf, meine Gefühlswelt klein und unter Kontrolle, sie angekettet und eingesperrt in ihrem Kellerverlies zu halten. Wenn mir das nicht gelingen würde, wäre ich verloren. Ich bin ein Meister der Kontrolle und Verdrängung, unbedingt. Irgendwann bricht das Kartenhaus zusammen, dessen bin ich mir bewusst, aber jetzt noch nicht, jetzt noch nicht.

Eine der letzten Nächte: Der Großvater von M., mit der ich zusammen Nachtdienst habe, liegt im Sterben, hier in diesem Heim. Er bekommt kaum noch Luft, röchelt, brodelnde stoßweise Atmung, schwarzes Sekret läuft seitlich aus seinem Mund. Er gestikuliert, erkennt seine Enkelin nicht. M. aufgelöst, kann den Anblick kaum ertragen. Ich kann ihm Morphin spritzen, das erleichtert ihm das Atmen, er wird ruhiger aber es kann den Tod beschleunigen, erkläre ich ihr. Ja, sagt sie, mach das. Geh raus, sage ich… Ich rufe danach die Tochter an, sage, wie es um ihren Vater steht, sage, dass sie jederzeit kommen kann, wenn sie will. Sie kommt mit dem Taxi und bleibt ein paar Stunden. Auch sie vollkommen aufgelöst. Später kollabiert M. Ich rufe den Bereitschaftsarzt…