Am Nachmittag

Vor ein paar Tagen an einem auf dem Fußweg im strömenden Regen sterbenden Mann vorbeigekommen. Passanten bemühten sich vergeblich. Später erfahren, dass es der Ehemann einer Kollegin war. Schlagartig wurde mir bewusst, dass ich keinerlei ernstzunehmende Probleme habe. Die Lächerlichkeiten, die ich dafür hielt, zählen nicht.

Haudrauf

Nachts Migräne. Beim Umdrehen im Bett ist höchste Vorsicht geboten sonst schlägt mir ein unsichtbarer Grobian mit seinem Vorschlaghammer besonders hart auf den Schädel, sodass es minutenlang nachhallt. Wenn der Gong im Kopf langsam abebbt, ist es inzwischen Zeit, sich wieder umzudrehen und das Spiel beginnt von vorn. Gegen Morgen lässt die Intensität nach, wahrscheinlich wird der Grobian langsam müde. Am Vormittag Erschöpfung aber auch große Klarheit im Kopf.

Unbedingt

Manchmal bin ich froh über meine Emotionslosigkeit, die in Wirklichkeit gar keine Emotionslosigkeit ist. Ich verwende nur unglaublich viel Energie darauf, meine Gefühlswelt klein und unter Kontrolle, sie angekettet und eingesperrt in ihrem Kellerverlies zu halten. Wenn mir das nicht gelingen würde, wäre ich verloren. Ich bin ein Meister der Kontrolle und Verdrängung, unbedingt. Irgendwann bricht das Kartenhaus zusammen, dessen bin ich mir bewusst, aber jetzt noch nicht, jetzt noch nicht.

Eine der letzten Nächte: Der Großvater von M., mit der ich zusammen Nachtdienst habe, liegt im Sterben, hier in diesem Heim. Er bekommt kaum noch Luft, röchelt, brodelnde stoßweise Atmung, schwarzes Sekret läuft seitlich aus seinem Mund. Er gestikuliert, erkennt seine Enkelin nicht. M. aufgelöst, kann den Anblick kaum ertragen. Ich kann ihm Morphin spritzen, das erleichtert ihm das Atmen, er wird ruhiger aber es kann den Tod beschleunigen, erkläre ich ihr. Ja, sagt sie, mach das. Geh raus, sage ich… Ich rufe danach die Tochter an, sage, wie es um ihren Vater steht, sage, dass sie jederzeit kommen kann, wenn sie will. Sie kommt mit dem Taxi und bleibt ein paar Stunden. Auch sie vollkommen aufgelöst. Später kollabiert M. Ich rufe den Bereitschaftsarzt…

Traumdeutung

Fast jede Nacht und selbst beim Mittagsschlaf Träume von Prüfungen. Prüfungen, für die ich nicht gelernt habe, Prüfungen, die ich komplett vergessen und für die ich erst recht nicht gelernt habe. Ich weiß gar nicht, wo ich diese Träume her habe. Meine letzten Prüfungen liegen Jahre zurück und sind ganz gut gelaufen. Eine sonderlich gesteigerte Prüfungsangst hatte ich nie. Mein vulgärpsychologischer Erklärungsansatz: Vielleicht sind die Prüfungen eine Metapher für das Leben an sich, von dem ich keine Ahnung habe, unvorbereitet bin, mich versuche so durchzumogeln und Angst habe, am Ende nicht zu bestehen.

Die oder ich

Ekel vor der Welt immer größer. Vor der Wahl stehend, den marktschreierischen Zirkus mitzumachen oder sich von allem so weit es geht auf sich selbst zurückzuziehen, ist die Entscheidung einfach. Kontakte zum System nur so weit wie unabdingbar. Ansonsten Distanz und Verachtung. In jeder freien Minute hinaus in die Landschaft. Mein Verhalten nicht pathologischer als das der anderen.

2 x N.

Man drängt mich ungewollt in eine Karriere hinein. Hätte ich an so etwas Interesse, würde ich mich freuen. Man überredete mich sogar mit der Gilde der mittelhohen, hohen und höchsten Chefs für einige Tage eine Messe in der Stadt zu besuchen, in der früher Reichsparteitage abgehalten worden sind. Alles auf Firmenkosten natürlich, Hotel, Essen, Nutten. Höchste Zeit zu kündigen, rät dringend mein innerer Bartleby. Vielleicht aber lieber doch nicht, denn ein wachsender Trost ist mir N., die, seit wir dienstlich einige Nächte verbrachten und uns dabei sehr gut unterhielten, langsam zutraulich wird, worüber ich mich, im Gegensatz zum Vorgenannten, sehr freue.

Cocooning de luxe

Angeekelt von der Welt da draußen. Kurz kam mir der wirre Gedanke, dass in einer waffenstarrenden Welt nur noch mehr Waffen helfen würden. Motto: »Abe Lincoln may have freed all men, but Sam Colt made them equal.« Peacemaker für alle! Natürlich vollkommener Stuss.

Aus Herrndorfs Leseliste zwei Sachen rausgepickt, die ich noch nicht kannte: »Aquis submersus« von Th. Storm und »Der Bericht des Arthur Gordon Pym« von E. A. Poe. Als ob lesen helfen würde.

Time is important

Zu wenig Zeit und zu erschöpft für … eigentlich alles. Fotografie zum Beispiel. Es geht schnell und man liegt als sabberndes, gelähmtes Wrack in seinem Bett – gerade erst wieder erlebt – und eben dachte man noch, man hätte alle Zeit der Welt. Man kaum beeinflussen, dass man wahrscheinlich eines Tages ein sabberndes, gelähmtes Wrack sein wird. Aber man kann seine Zeit bis dahin auf eine Art nutzen, dass man im Rückblick sagen kann: Es war gut so. Auf Berge steigen und sie fotografieren zum Beispiel:

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