Beifang

Gedichte sind nicht so meins, ich bin ein prosaischer Typ. Dennoch klebt mir seit Tagen – so glaube ich – der Fetzen einer Gedichtzeile im Hirn. Der Versuch einer Suche im Internet führte zu nichts. Das heißt, ich fand etwas anderes. Auch schön.

Große Zeiten

Die Zeit ist viel zu groß, so groß ist sie.
Sie wächst zu rasch. Es wird ihr schlecht bekommen.
Man nimmt ihr täglich Maß und denkt beklommen:
So groß wie heute war die Zeit noch nie.

Sie wuchs. Sie wächst. Schon geht sie aus den Fugen.
Was tut der Mensch dagegen? Er ist gut.
Rings in den Wasserköpfen steigt die Flut.
Und Ebbe wird es im Gehirn der Klugen.

Der Optimistfink schlägt im Blätterwald.
Die guten Leute, die ihm Futter gaben,
sind glücklich, daß sie einen Vogel haben.
Der Zukunft werden sacht die Füße kalt.

Wer warnen will, den straft man mit Verachtung.
Die Dummheit wurde zur Epidemie.
So groß wie heute war die Zeit noch nie.
Ein Volk versinkt in geistiger Umnachtung.

Erich Kästner

Umbruchszeit

Lese seit einiger Zeit mit Gewinn »Die Besiegten« von Robert Gerwarth über die Zeit nach dem Ende des 1. Weltkrieges und die über den Waffenstillstand hinaus fortdauernden Gewaltexzesse besonders im Osten Europas. Die zerfallene Vorkriegsordnung, das dadurch entstandene Machtvakuum bzw. die aus Revolution und Niedergang geborenen schwachen Nachkriegssysteme als ideale Bedingungen für die Fortdauer der Gewalt. Viele spätere Entwicklungen werden durch die Beleuchtung dieser Zeit besser verständlich. Der Zerfall des Alten ist das eine, doch bis an dessen Stelle etwas stabiles Neues getreten ist, ist es ein langer Weg. Und wie dieses Neue dann aussieht ist noch eine ganz andere Frage. Durchaus sehr aktuell.

Oktober 1944

Eindrücklich die Schilderung des katholisch verdrucksten Milieus Salzburgs, der Existenzbedingungen – Lebensbedingungen will man es nicht nennen – in der nationalsozialistischen Lehranstalt dort, der ersten Bombenangriffe auf die Stadt, die bisher verschont wurde und die Veränderungen des Jungen unter diesen Eindrücken:

»Auf dem Weg in die Gstättengasse war ich auf dem Gehsteig, vor der Bürgerspitalskirche, auf einen weichen Gegenstand getreten, und ich glaubte, es handle sich, wie ich auf den Gegenstand schaute, um eine Puppenhand, auch meine Mitschüler hatten geglaubt, es handelte sich um eine Puppenhand, aber es war eine von einem Kind abgerissene Kinderhand gewesen. Erst beim Anblick der Kinderhand war dieser erste Bombenangriff amerikanischer Flugzeuge auf meine Heimatstadt urplötzlich aus einer den Knaben, der ich gewesen war, in einen Fieberzustand versetzenden Sensation zu einem grauenhaften Eingriff der Gewalt und zur Katastrophe geworden.«

Thomas Bernhard, Die Ursache

Aufnahmefähigkeit

Die große Thomas Bernhard Ermüdung ist vorbei. Es folgt »Die Ursache« und dann die anderen sogenannten autobiographischen Schriften. Gleich wieder großer Furor:

»Der ausgehende Herbst und das in Fäulnis und Fieber eingetretene Frühjahr haben immer ihre Opfer gefordert, hier mehr als anderswo in der Welt, und die für den Selbstmord Anfälligsten sind die jungen, die von ihren Erzeugern und anderen Erziehern alleingelassenen jungen Menschen, lernenden und studierenden und tatsächlich immer nur in Selbstauslöschung und Selbstvernichtung meditierenden, für welche einfach noch alles die Wahrheit und die Wirklichkeit ist und die in dieser Wahrheit und Wirklichkeit als einer einzigen Fürchterlichkeit scheitern.«

Thomas Bernhard, Die Ursache

Rolls-Royce

Wieder ein Patient mit Glioblastom. Keine Therapie. Rasanter Verfall. Gestern Atemnot, zyanotisch, krampfend, nicht ansprechbar. Keine Patientenverfügung – großartig. Notarzt mit großem Gefolge. Arzt anfangs mit typischer Arroganz-Symptomatik. Ihm von mir unterstellter Gedankengang: »Wieder ein Opa mit quersitzendem Bäuerchen.« Das Wort GLIOBLASTOM in den Raum geworfen. Ab da menschlich und medizinisch einwandfreie Arbeit. Später an Herrndorfs Aussage gedacht: »Was Status betrifft, ist Hirntumor natürlich der Mercedes unter den Krankheiten. Und das Glioblastom der Rolls-Royce.«