Katze

»Bei keinem anderen Tier findet man das Verschlossene, das Ahnungsreiche, das nach Hegel allen Tieren zu eigen ist, so ausgeprägt wie bei der Katze. Wer sie aufmerksam beobachtet, findet noch heute etwas Ägyptisches in ihr.«

Hanns Cibulka, Sanddornzeit, Tagebuchblätter von Hiddensee

Stadtwanderung

Mit N. den ganzen Tag bis es dunkel war durch die Stadt gelaufen. Touristenhotspots dabei schnell passiert. Den Kopf geschüttelt über Beliebigkeitsinvestorenarchitektur in Klotzbauweise mit Alibisandsteinverkleidung, durch Zaunlöcher in archäologische Ausgrabungen geschaut, vielfältige Kellergewölbe aus mehreren Jahrhunderten bewundert, die darauf warten abgebaggert und mit Beliebigkeitsinvestorenarchitektur in Klotzbauweise mit Alibisandsteinverkleidung überbaut zu werden. Der Fortschritt kennt keine Grenzen. Die Puppenstube Neumarkt ist aus anderen Gründen misslungen. Da erscheint einem der Stalin-Barock der Wilsdruffer Straße noch authentischer. Vielleicht wird es mit etwas Patina nach ein paar Jahren besser. Schließlich am Landtag vorbei auf die Schlachthofinsel, auf einer Bank gesessen und über die Elbe nach Pieschen hinüber geschaut, am Alberthafen auf den Trümmerberg geklettert und in der Dämmerung über den Alten Katholischen Friedhof in der Friedrichstadt gestreift.

Neuankömmlinge

Die ersten Mädchen sind eingezogen in das, was ich einfach Kinderheim nenne eigentlich aber therapeutische Wohngemeinschaft heißt. Sie machen Seifenblasen auf der Feuertreppe, hüpfen mit Springseilen im Hof herum oder sitzen weinend auf den Pflastersteinen. Sie tun mir leid und sie rühren mich. Keine Familie zu haben oder bestenfalls eine dysfunktionale ist keinem Kind zu wünschen. Ich würde gerne eins oder zwei adoptieren, verstehe allerdings nichts von der Kinderaufzucht. Sie kämen vermutlich vom Regen in die Traufe.

Erschwerte Vergrämung

Ein Amselmädchen wühlt im frisch bepflanzten Balkonkasten herum. Sie klaubt Fasern zusammen und trägt sie in ihrem Schnabel davon um ihr Nest auszukleiden. Die nicht benötigten Erdbrocken verteilt sie großflächig auf dem Balkon. Ich habe ihr aufgelauert, ihr Tun getadelt und es ihr verboten, an die Scheibe geklopft und mit dem Finger gedroht. Es ist ihr egal. Das Nest muss fertig werden. Die Idee, die Erde im Balkonkasten mit einem Vlies abzudecken, hatte nicht die erhoffte abschreckende Wirkung. Sie zupft es einfach beiseite. Jetzt habe ich in der Kinderabteilung alberne kunterbunte Windräder gekauft und im Kasten installiert. Sie drehen sich eifrig und quietschen furchtbar dabei. Mir beginnen sie bereits auf die Nerven zu gehen, hoffentlich dem Amselmädchen auch.

Brüllaffe

Gegen 04:00 Uhr verwirrt aufgewacht, weil ein Idiot auf der Straße herumschrie. Der Idiot fuhr irgendwann mit seinem Auto weg und ich konnte lange nicht wieder einschlafen. Am Morgen erfahren, dass Ch. früh gegen 04:00 Uhr im Krankenhaus verstorben ist. Zufällige Koinzidenz. Als rationalem Menschen ist mir esoterisches Geraune vollkommen fremd, trotzdem ein seltsamer Zufall.

Heute mal wieder als Fingerübung eine Bewerbung für eine im Bau befindliche Pflegefabrik abgeschickt. Ich kenne jemanden, der jemanden kennt, der meint, dort sei alles besser, vieles besser, manches besser. Ganz sicher, vielleicht, hoffentlich. Ja, genau. Es geht nichts über präzise Informationen für die Entscheidungsfindung.

Ponyhof?

Der benachbarte alte Gasthof, der sich früher einmal in unserem Familienbesitz befand, wird zum Kinderheim umgebaut. Mädchen zwischen 8 und 18 Jahren sollen da im Sommer einziehen. Statt Biergartenbetrieb, Adoleszenzbetrieb. Bin gespannt, wie sich das gestaltet.

Querfeldein

Heute wurden die Schneeschuhe geliefert, eher als gedacht. Am Nachmittag gleich ausgiebig im Gelände getestet. Ich bin bisher sehr zufrieden. Nur einmal bin ich umgefallen beim Übersteigen eines Weidezaunes. Meine Reichweite in verschneiter Landschaft abseits der Wege hat sich immens gesteigert und ich bin nicht halb so kaputt wie bislang. Einige gute Aufnahmen gemacht, hoffe ich.

Jahreswechsel

Silvester: Das hirnlose Rumgeballer hat mich immer schon genervt, das wird mit dem Alter nicht besser. Der Lärm, der Gestank, das lächerliche Gehabe der Menschen! Wobei anzumerken ist, dass sich die umliegenden Anwohner recht manierlich verhalten haben. Die Katze hingegen hat sich erst unauffindbar versteckt und mir dann gegen Morgen als unübersehbares Lebenszeichen in die Stube gekotzt.

Was bringt das neue Jahr? Nur Gutes natürlich. Im Ernst, mir geht es gut. Ich bin dankbar für alles. Mit 20 war ich desillusionierter. Mit dem Alter kommt die Milde, die Erfahrung sowieso. Und die Erfahrung zeigt, wenn es am Ende gut werden soll, muss man selbst die Sachen in die Hand nehmen, auch wenn es schwer fällt. Man muss nicht jeden Scheiß mitmachen, nur weil die Gesellschaft der Meinung ist, in diesem oder jenem Lebensabschnitt habe man diese oder jenes zu tun. Man nimmt diese Antragungen zur Kenntnis, nickt freundlich und geht weiter sein eigenes Ding machen.