Alte Zeiten

N. gräbt immer noch im Vorfeld der EUGAL-Trasse nach archäologischen Funden. Einiges aus dem Mesolithikum wurde schon entdeckt und auch ein Siedlungsplatz aus späterer Zeit mit menschlichen Knochenfunden wurde ausgegraben. Das Mysterium der Zeit interessiert mich sehr. Ihr Verrinnen ist beängstigend und tröstlich zugleich.

Hitzeschutz

Ein T-Shirt durchgeschwitzt bei der zehnminütigen Montage einer Hitzeschutzmarkise am Dachfenster, die alte gab zur Unzeit den Geist auf. Die neue Markise lässt mehr Licht aber weniger Wärme durch als das Vorgängermodell. Das ist der Fortschritt! Ohne Hitzeschutz ist kein Leben möglich im Dachgeschoss.

HRB Niederpöbel

Könnte mein Geld auch als Baustellenführer auf der Großbaustelle des Hochwasserrückhaltebeckens Niederpöbel verdienen. Vermutlich aufgrund meiner vertrauenerweckenden Erscheinung und meines mitgeführten Equipments werde ich von verschiedenen Menschen angesprochen, die gleich mir am Feiertag illegal auf dem Baustellengelände herumkraxeln. Ich gebe einen Abriss der Hintergründe, die den Bau notwendig erscheinen lassen mit kleinem historischen Exkurs, anschließend einen Ausblick in die Zukunft und äußere zugleich mein Bedauern über die Zerstörung eines der letzten unverbauten Seitentäler mit wertvollem Baumbestand in den mittleren Lagen des Osterzgebirges. Hätte ich einen Hut gehabt, hätte ich ihn rumgehen lassen können. Über die Webcams kann man sich jederzeit ganz legal einen Einblick über den Baufortschritt machen.

Unterhaltung to go

In Pirna unterwegs sprach uns ein älterer Mann an. Zum Anlass nahm er die Umhängetasche von N., auf der Schweden- und Dänemarksticker aufgenäht waren. Er begleitete uns eine Zeit lang und erzählte in einem fort durchaus intelligente DDR-Witze. Er war harmlos aber ein wenig lästig. Er schien dem Typus des nach der Wende Gestrauchelten und nicht wieder auf die Beine Gekommenen zu entsprechen. Hätte mir aus anderen Gründen auch so gehen können. Als es uns schon etwas viel wurde, verabschiedete er sich höflich und kehrte für ein Bier in die Trollischenke [sic!] ein.

Eingelebt

Die kleinen Mädchen aus dem Kinderheim nebenan klettern auf der Grundstücksmauer herum. Sie versprechen nicht herunterzufallen. Jetzt schieben sie den frisch gefallenen Schnee zusammen und haben vor einen Schneemann zu bauen. Sie machen keinen unglücklichen Eindruck. Die älteren Mädchen lassen sich eher selten sehen, sind viel scheuer. Ihr Rucksack, den sie mit sich herumschleppen, scheint schon deutlich größer.

Katze

»Bei keinem anderen Tier findet man das Verschlossene, das Ahnungsreiche, das nach Hegel allen Tieren zu eigen ist, so ausgeprägt wie bei der Katze. Wer sie aufmerksam beobachtet, findet noch heute etwas Ägyptisches in ihr.«

Hanns Cibulka, Sanddornzeit, Tagebuchblätter von Hiddensee

Stadtwanderung

Mit N. den ganzen Tag bis es dunkel war durch die Stadt gelaufen. Touristenhotspots dabei schnell passiert. Den Kopf geschüttelt über Beliebigkeitsinvestorenarchitektur in Klotzbauweise mit Alibisandsteinverkleidung, durch Zaunlöcher in archäologische Ausgrabungen geschaut, vielfältige Kellergewölbe aus mehreren Jahrhunderten bewundert, die darauf warten abgebaggert und mit Beliebigkeitsinvestorenarchitektur in Klotzbauweise mit Alibisandsteinverkleidung überbaut zu werden. Der Fortschritt kennt keine Grenzen. Die Puppenstube Neumarkt ist aus anderen Gründen misslungen. Da erscheint einem der Stalin-Barock der Wilsdruffer Straße noch authentischer. Vielleicht wird es mit etwas Patina nach ein paar Jahren besser. Schließlich am Landtag vorbei auf die Schlachthofinsel, auf einer Bank gesessen und über die Elbe nach Pieschen hinüber geschaut, am Alberthafen auf den Trümmerberg geklettert und in der Dämmerung über den Alten Katholischen Friedhof in der Friedrichstadt gestreift.

Neuankömmlinge

Die ersten Mädchen sind eingezogen in das, was ich einfach Kinderheim nenne eigentlich aber therapeutische Wohngemeinschaft heißt. Sie machen Seifenblasen auf der Feuertreppe, hüpfen mit Springseilen im Hof herum oder sitzen weinend auf den Pflastersteinen. Sie tun mir leid und sie rühren mich. Keine Familie zu haben oder bestenfalls eine dysfunktionale ist keinem Kind zu wünschen. Ich würde gerne eins oder zwei adoptieren, verstehe allerdings nichts von der Kinderaufzucht. Sie kämen vermutlich vom Regen in die Traufe.