Kanon

Weil es gerade nicht regnete, habe ich diesmal einen dicken Wälzer – Dietrich Schwanitz »Bildung. Alles, was man wissen muß« – mitgehen lassen. Ich lese darin auf dem Klo sitzend. Es ist süffig geschrieben, etwas zu schnoddrig vielleicht und hat ein leichtes angelsächsisches Übergewicht. Dass die Naturwissenschaften fehlen ist mir beim ersten Überblick gar nicht aufgefallen. Ich las davon erst in den Kritiken. Vielleicht hatte ich sie nicht vermisst, weil ich von vornherein und unbewusst von einem rein geisteswissenschaftlichen Kanon ausging.

Anscheinsbildung

„Glaub mir, es ist nicht schwer, für beschlagen zu gelten; die Hauptsache ist, daß man sich nicht in flagranti bei seiner Unwissenheit erwischen läßt. Man manövriert, geht der Schwierigkeit aus dem Wege, umgeht das Hindernis, und legt die anderen herein mit Hilfe eines Lexikons.“

Guy de Maupassant, Bel-Ami

Lesen

„Insgesamt gesehen muß ich sagen, daß ich unter den Ungebildeten bessere Menschen gefunden habe – besser in jedem Sinne des Wortes – als unter den Gebildeten dieser Welt. Die monströsesten Verbrechen gegen die Menschheit und Menschlichkeit werden Tag für Tag von denen begangen, die den Vorteil der Bildung genossen haben. Wenn wir Menschen gebildeter, bücherbewußter machen, können wir kaum behaupten, daß wir sie damit auch zu besseren Bürgern machen.“

Henry Miller, Lesen oder nicht lesen