Gelassenheit und Rückschau

Die Katze hatte sich hinter dem Sofa verkrochen und auch mir ging der Silvesterkrawall wie immer auf die Nerven. Von allen Feiern im Jahr ist die Silvesterfeier die sinnloseste. Zum Glück ist das Motto meines um Mitternacht verzehrten Glückskekses vollkommen zutreffend: »Gelassenheit ist zur Zeit Ihre Stärke.«

Zu Weihnachten zwei wunderbare Bildbände verschenkt, die ich selber gerne hätte: »Das pure Leben« – Fotografien aus der DDR. In »Die frühen Jahre, 1945 – 1975« und »Die späten Jahre, 1975 – 1990« werden Menschen und ihr Lebensumfeld in der DDR weit jenseits propagandistischer Zweckfotografie gezeigt. Ein paar wenige beispielhafte Fotos kann man sich auf der Seite des Lehmstedt-Verlages (Link) ansehen.

Made in GDR

Ein originalverpackter Rollfilm ORWO NP 20 hat sich in dem Zeugs meines Onkels angefunden, das ist ein panchromatischer Schwarzweißfilm aus dem VEB Filmfabrik Wolfen mit der Empfindlichkeit 80 ASA. Auf der Schachtel steht eine Nummer und »APR 90«. Ob es sich bei diesem Datum um das Produktionsdatum oder das Ablaufdatum handelt, weiß ich nicht.
Der Film kommt auf alle Fälle nicht mehr zum Einsatz, das war mir schon klar bevor ich den launigen Erfahrungsbericht des Stilpiraten mit seinem NP 20 gelesen hatte. Meiner wird aufbewahrt bis zum Jüngsten Tag (alternativ: bis zum nächsten deutschen Staat).

Nischendasein

»Der Turm«. Ein Sittengemälde der untergehenden DDR usw. Mhm …
Eine Nische von vielen wurde beschrieben. Mehr aber auch nicht. Aus meiner Sicht handelte es sich bei den Bewohnern des Weißen Hirsches auch damals schon um eine privilegierte Schicht. Keinesfalls stellen sie einen repräsentativen Querschnitt der DDR-Gesellschaft dar, wie in einigen Rezensionen aufscheint. Das ist es wahrscheinlich, was mich an diesem Werk so stört, dieses: So war die DDR!

Jahrestage

17. Juni 1953, 13. August 1961, 9. November 1989 – auf diese drei Tage lässt sich die DDR komprimieren. Können sie diese Daten aufsagen, ist alles über dieses Land, seine Bewohner und das Leben dort gesagt. Sonst war weiter nichts …

In der kritiklosen Verherrlichung des Freiheitsbegriffes ist die (alte und neue) BRD mindestens so lächerlich wie die alte DDR in der Verherrlichung des Gleichheitsbegriffes.

Sozialisation

„Ich scheue mich, mich in großen Lebens- und Jobfragen festzulegen. Es kann sich doch alles wieder ändern! Ich will meine Seele nicht an eine Arbeit, eine politische Idee oder gar einen Menschen hängen. Andererseits hat die Erfahrung des Scheiterns mich auch ruhiger gemacht. Ich habe zum Beispiel wenig Angst davor, im Job zu scheitern. Ich gebe mich leichter mit Dingen zufrieden. Also ich meine: Ich muss nicht ständig nach Höherem streben.“

Katja Weniger (Jahrgang 1978), Scheitern

Wochenthema im Freitag, die „Wendekinder“. Menschen der Jahrgänge um 1975 herum, in der DDR geboren.

Ich frag mich ja manchmal, welchen Anteil meine DDR-Sozialisation – ich war zur Wende 1989 reichlich 16 Jahre alt – an meiner gegenwärtigen Situation, meiner Gefühls- und Gedankenwelt hat. An dem alles bestimmenden Fremdheitsgefühl zum Beispiel, welches von Idioten immer für Nostalgie gehalten wird, usw. … Scheitern als Urerfahrung sozusagen. Aber daraus keinen gekränkten Narzißmus entstehen zu lassen, sondern eine Art stille Zufriedenheit und Freude über den Spatz in der Hand.