Türkei

Smells like Reichstagsbrand und Röhm-Putsch. Ich muss ehrlich sein, ich war enttäuscht als der Putschversuch in der Türkei scheiterte. Eine zeitlich begrenzte Militärdiktatur halte ich für das kleinere Übel, als ein Erdogan-Regime auf lange Zeit, die schlechten Erfahrungen der Vergangenheit eingedenk. Zu glauben, dass eine Demokratie Erdogan’scher Prägung etwas mit einer westlichen Vorstellung von Demokratie zu tun haben könnte ist kindisch. Auf solche Ideen können nur Leute kommen, die auch Putin für einen lupenreinen Demokraten halten. Sehr beängstigend, wenn man als einziges das Militär als Ordnungsfaktor und Garanten für westliche Errungenschaften sehen kann. Man ist gezwungen, die Demokratie mit Füßen treten, um die Demokratie zu retten. Vollkommen absurd. Und nach den anstehenden Säuberungen scheidet nun das Militär als Erdogan-Antidot für lange Zeit aus.

Neue Ideen

„Allgemeine Wahlen näherten sich ihrem Höhepunkt. Die Wahl dauerte fünfzehn Tage, und am ersten Tag kamen zumindest in einem der Wahllokale von Kundus nur vier Leute zur Abstimmung. Eine parlamentarische Regierung war in Afghanistan eine neue Idee, und der König ernannte immer noch Minister ohne Zusammenhang mit Wahlen, wenngleich 1964 Mitglieder der Königsfamilie von diesen Posten ausgeschlossen worden waren, vielleicht weil ein Cousin als Premierminister die Position des Königs eher schwächte als stärkte. Es gab keine Parteien im europäischen Sinne. […] Ein Ergebnis war in Chardara bekanntgegeben worden, […], doch fünf weitere Wahltage waren noch zu bestehen. Als die Ergebnisse durchgesagt wurden, gab man sie nach draußen weiter und vier oder fünf Gewehre wurden in die Luft abgefeuert.“

Peter Levi, Im Garten des Lichts, Mit Bruce Chatwin durch Afghanistan, 1969

Misstrauensvorschuss

Das Problem ist ja, man kann keinem Politiker trauen, denn um den Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen zu prüfen, müsste man einen gewaltigen Aufwand an Zeit und Recherche erbringen, den man nicht erbringen kann. Also bleibt nur grundsätzliches Misstrauen allen Aussagen Angehörigen dieser Kaste gegenüber oder hirnlose Übernahme und Nachplappern ihrer unprüfbaren Aussagen.

Bis zum Beweis des Gegenteils – und diesen Beweis muss mir der Politiker bringen – bin ich gezwungen alle Angehörigen dieser Kaste, egal welcher politischen Geschmacksrichtung, für eigennützige (denn das ist nur allzumenschlich und deshalb naheliegend), nur vorgeblich für das Gemeinwohl sich einsetzende, von Lobbyverbänden konditionierte, für das Volk geschaffenene Pseudodemokratiehandpuppen zu halten.