Mors certa, hora incerta

Nachtdienst vorüber und keiner gestorben. Da ist man immer froh. Auch der dicke Mann, bei dem es so aussah, lebt noch. Er hat wahnsinnige Angst zu sterben, das macht es auch nicht leichter. Er sprang in seinem Bett herum, fuchtelte mit dem Arm, selbst der gelähmte zuckte ein bisschen. Er warf das Bettzeug raus, riss sich die Sauerstoffmaske herunter und fast den Katheter heraus. Wenn man bei ihm blieb, beruhigte er sich etwas und schlief vor Erschöpfung nach kurzer Zeit ein. Dann schlich ich mich aus dem Zimmer. Und bei der nächsten Kontrolle wieder das gleiche. Mein erstes Mal, dass sich einer mit dem Sterben so schwer tut.

Klimaxstadium, überschrittenes

Vom Kodak Portra 160 gleich mal ein paar Rollen mehr bestellt. Man weiß ja nicht, wie lange die Aussage, den weiter zu produzieren, bestehen bleibt. Entwickle auch starke Gefühle bezüglich 4×5. Versuche das aber noch zurückzudrängen – harte Arbeit.

Wie es mit diesem Blog weitergehen soll, weiß ich noch nicht. Gestern wollte ich ihn killen, dann tat er mir plötzlich leid. Aber was soll man denn immer schreiben, interessiert ja keinen, mich selbst auch nicht. Ich hab gar nichts mehr zu sagen. Vielleicht nur noch Fotos?

Gefressene Poesie

Seit Tagen geht es mir im Kopf herum, ich musste das alte Zitat noch mal herauskramen:

„Aber später, wenn das Leben einem gründlich gezeigt hat, wie viel Verschlagenheit, Grausamkeit und Bosheit man braucht, um nur einfach bei 37° zu überleben, dann wird es einem klar, man weiß Bescheid und begreift endlich, wie viel Niedertracht eine Lebensgeschichte enthält. Man braucht für all das nur sich selbst gründlich zu betrachten, wie schäbig man geworden ist. Kein Geheimnis mehr, keine Unverdorbenheit, man hat seine ganze Poesie gefressen, während man bis jetzt gelebt hat. Ein Scheißspiel das Leben.“

Louis-Ferdinand Céline, Reise an Ende der Nacht