Abhanden

„Man hat so gut wie nichts von dem zur Hand, was man bräuchte, um jemandem sterben zu helfen. Man verfügt innerlich nur noch über die Dinge, die fürs Alltagsleben nützlich sind, das bequeme Leben, das eigene abgeschmackte. Man hat unterwegs das Vertrauen verloren. Man hat das bisschen Mitleid, das man übrig hatte, gequält und verscheucht, gründlich in die Tiefen des Leibes verbannt wie eine bittere Pille. Man hat das Mitleid tief in die Gedärme getrieben, mit der Scheiße. Da gehört es hin, denkt man sich.“

Louis-Ferdinand Céline, Reise ans Ende der Nacht

Schwafelei

„Eines Tages will man immer weniger über die Sachen reden, die einem wirklich am Herzen liegen, und wenn mans muss, braucht es eine Riesenüberwindung. Man hat die Nase voll, sich immer schwafeln zu hören … Man kürzt ab … Man verzichtet … Seit dreißig Jahren schwafelt man schon … Man legt keinen Wert mehr darauf, Recht zu haben. Man verliert sogar die Lust, den kleinen Platz zu behaupten, den man sich zwischen den Genüssen erobert hat … Man ist von sich selber angewidert … Es reicht jetzt, ein bisschen was zu fressen, es sich ein bisschen warm zu machen und so viel zu schlafen, wies nur geht auf dem Weg ins Nichts.“

Louis-Ferdinand Céline, Reise ans Ende der Nacht

Zungenschlag

„Vornehme Leute haben so eine bestimmte Art zu reden, die einen einschüchtern kann, und mir macht das regelrecht Panik, vor allem ihre Frauen, dabei sind das doch nur verdrehte und gezierte Sätze, aber gewienert sind sie wie alte Möbel. Diese Sätze sind banal, aber sie machen trotzdem Angst. Man befürchtet, auf ihnen auszurutschen, wenn man antwortet. Und sogar wenn sie einen ordinären Ton anschlagen, um zum Zeitvertreib die Lieder der Armen zu singen, behalten sie diesen feinen Zungenschlag bei, der einen misstrauisch macht und anwidert, ein Zungenschlag, in dem immer so eine kleine Peitsche mitschwingt, ein Ton, wie man ihn immer hat, wenn man mit Domestiken spricht.“

Louis-Ferdinand Céline, Reise ans Ende der Nacht

Liebe, unnütze

„Die Leute sind zu Mitleid fähig für Krüppel und Blinde, man kann sagen, sie haben Liebe übrig. Das hatte ich schon früher gespürt, häufig sogar, dass sie Liebe übrig hatten. Gibt es riesig viel davon. Kann keiner sagen, dass das nicht stimmt. Schade nur, dass sie immer so gemein sind, die Leute, wo sie doch eigentlich Liebe übrig haben. Sie kommt nicht raus, das ist es. Sie steckt drinnen fest, und da bleibt sie, sie ist zu nichts nütze. Die Leute verrecken innerlich vor lauter Liebe.“

Louis-Ferdinand Céline, Reise ans Ende der Nacht

Hier wie dort

„Und was die Kranken anging, die Patienten, da machte ich mir auch keine Illusionen … Die würden in einem anderen Viertel auch nicht weniger gierig, nicht weniger geizig und nicht weniger feige sein als hier. Derselbe Fusel, dasselbe Kino, dasselbe Geschwätz über Sport, dieselbe begeisterte Unterwerfung unter die natürlichen Triebe der Verdauung und des Unterleibs, das würde dort genauso wie hier für dieselbe schwerfällige, miese Horde sorgen, die von einer Lügengeschichte zur nächsten taumelt, immer eine große Klappe, immer mit Schiebereien beschäftigt, immer böswillig und aggressiv zwischen zwei Panikanfällen.“

Louis-Ferdinand Céline, Reise ans Ende der Nacht