Nighthawk

Seit einigen Monaten mache ich fast nur noch Nachtdienste. Ich kann mir nichts anderes mehr vorstellen. Mir gefällt der entgegen gesetzte Lebensrhythmus. Das ist das eine. Fast noch wichtiger ist mir weitgehend allein arbeiten zu können. Einen Assistenten habe ich noch, je nachdem wie der gestrickt ist, ist mir selbst diese eine Person manchmal zu viel. Vielen macht das Angst, allein zu sein und richtig entscheiden zu müssen, keine zweite Fachmeinung einholen zu können, denn irgendeiner der Bewohner dreht immer durch, versucht sich umzubringen, kollabiert aus Gründen, stürzt oder stirbt einfach. Mir gefällt genau das, selber entscheiden und Prioritäten setzen zu können und zu müssen, so kräftezehrend es auch ist.

Schwere Nächte

Die letzten Nachtdienste waren nochmals besonders. Irgendein Magen-Darm-Virus springt von einem Bewohner zum andern. Könnte auf den schönen Namen Noro hören. Aber man kann es nicht herausfinden. Steht man mit dem Stuhlröhrchen am letzten Opfer, um ein bisschen Material für eine Analyse zu sammeln, kommt nichts mehr. Und der nächste ist dran. Ist auch egal, versorgt müssen die Leutchen in jedem Fall werden. Und was interessiert schon die Gesellschaft die wahren Zustände in den Pflegefabriken. Es sind nur nutzlose Esser, die einen Haufen Geld kosten. Aber psst, das darf man nicht sagen, das ist hate speech!
Sonntagnacht hatte mich das Teufelsvirus auch erwischt. Strahlkotzen usw. usf. Kotze abwischen und weitermachen. Zum Glück war der Spuk nach ein, zwei Tagen vorbei. Nur ist man in seiner Performance extrem herabgesetzt, drei Schritte laufen und man hat zittrige Knie. Egal, es ist vorbei und jetzt eine Woche Urlaub.

Herr B.

Der Polizist hat Angst vor dem Sterben. Ihm wird mit Mitte 50 sein verkorkstes Leben bewusst. Seine Jugendliebe hat ihn verlassen, danach fing das mit dem Saufen an und es ging abwärts. Keine Frau, keine Kinder. Er hat einen Bruder, er ist seine Familie. Seine früheren Polizeikollegen besuchen ihn manchmal. Er klammert sich an Kleinigkeiten, fragt, ob ich einen Garten hätte, ein Gewächshaus usw. Fotos einer Katze stehen auf dem Tisch, das Bild einer älteren Frau, seine Mutter vermutlich. Er trinkt die ganze Nacht Bier und erbricht es bisweilen, der Fernseher läuft 24 Stunden. Er hat Angst einzuschlafen und nicht mehr aufzuwachen. Er hat ein Scheißleben und hängt daran.

Haudrauf

Nachts Migräne. Beim Umdrehen im Bett ist höchste Vorsicht geboten sonst schlägt mir ein unsichtbarer Grobian mit seinem Vorschlaghammer besonders hart auf den Schädel, sodass es minutenlang nachhallt. Wenn der Gong im Kopf langsam abebbt, ist es inzwischen Zeit, sich wieder umzudrehen und das Spiel beginnt von vorn. Gegen Morgen lässt die Intensität nach, wahrscheinlich wird der Grobian langsam müde. Am Vormittag Erschöpfung aber auch große Klarheit im Kopf.

Nachtmahl

N., die man sich ungefähr wie Schneewittchen aussehend vorstellen kann, hat in einer unserer gemeinsamen Nachtdienste für mich gekocht, weil sie den Anblick meiner industriell hergestellten Fertignahrung nicht mehr ertragen konnte. Diese Geste hat mich sehr gerührt. Es kommt nicht oft vor, dass Frauen für mich kochen.

Arbeitstier

Die Stelle, für die ich letzte Woche vorgesprochen habe, heute mit erlesenen Worten per Mail abgesagt. Man weiß ja nie, ob man sich nicht noch einmal begegnet. Dann als Fingerübung bei den Arbeitsagenten als arbeitssuchend registriert. Das wird lustig werden, jetzt scheißen die mich mit sinnlosen Angeboten zu, die ich alle ablehnen muss, weil sie so sinnlos sind.

Ansonsten Kopfschmerzen nach langer Nachtdienstsession. Therapieversuch: »Brügge sehen… und sterben?« Danach Kopfschmerzen noch stärker und hieronymusboschartige Träume.

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Nächtlicher Besuch

Beim Betreten des Umkleideraumes und Einschalten des Lichtes huscht etwas an der Wand entlang, verschwindet kurz in der Duschkabine, kommt wieder hervor, läuft an den Spinden entlang und zwängt sich schließlich am Ende der Reihe unter den letzten, etwas vom Boden abstehenden Spind. Keine Maus, eine Spitzmaus. Sie muss durch den Lichtschacht gefallen und durch das angekippte Fenster herein gekommen sein. Ich überlege noch, was zu tun ist, da kommt sie wieder hervor, eine große Staubfluse hinter sich her schleppend. Einfangen und freilassen wäre gut. Ich zögere zu lange. Sie sieht sich kurz meine Schuhe an, läuft dann zur Tür, quetscht sich unten durch und trippelt schnurstracks an der Scheuerleiste entlang zur Damenumkleide, um diese zu besichtigen. Auch gut.