Endspurt

Wieder ein neuer Tagesgast, so nenne ich für mich die Palliativpatienten wegen ihres so schnellen Verfalles, diesmal: Pankreaskopfkarzinom mit fortgeschrittener Metastasierung. Ein netter Mensch, der weiß was auf ihn zukommt. Und dann ist da noch der unheimlich fette Patient, ein wirklicher Unsympath, der dem Ende entgegen fault und auf seine Sepsis wartet. Niemand kann ihn leiden. Doch immer zutraulicher und freundlicher wird er mir gegenüber, je schlechter es ihm geht. Ich kann seine Angst vor dem bevorstehenden jämmerlichen Ende erkennen. Nicht einfach ihm wenigstens ein Fitzelchen Würde zu erhalten. Ich kann damit umgehen. Für den Fall, dass dies einmal anders wird, sollte ich jedoch ein kleines Budget für Nutten und Schnaps zurück behalten.

Bitte nicht stören!

Ich muss noch ein wenig über das Polaroid-Paradoxon nachdenken. Das geht am besten in der Nacht, wenn Ruhe ist. Zum Glück habe ich gerade eine Nachtdienstsession vor mir. Hoffentlich stirbt nicht wieder jemand oder spritzt die Bude mit seinem Blut voll, das würde mich nur unnötig ablenken.

Arbeit der Nacht

Nachts in der Pflegefabrik von einem Igel und Katzen besucht worden. Auch von der Polizei, die einen Entflohenen zurück brachten. Letztens sah ich zudem eine Sternschnuppe, des Weiteren wahrscheinlich die ISS und zusätzlich eine Fledermaus in deutlich niedrigerer Flughöhe. Sonst wurde von den Insassen gestürzt, gestorben und durchgedreht, wie man es von ihnen gewöhnt ist. Sitze jetzt aus Rekreationsgründen in einer sich entwickelnden Wildnis auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Zeithain und hadere mit den Nachwehen meiner Migräne.

Wasserstandsmeldung

Keine Probleme beim Wechsel vom Tag- in den Nachtbetrieb. Um so größere bei der Rückumstellung auf den üblichen Rhythmus – Migräne, Schlafstörungen und wüste Träume sind die Folge. Einer der wenigen Nachteile beim Dauernachtdienst. Für mich überwiegen dennoch die Vorteile.

An freien Tagen jetzt vielfach an der Elbe außerhalb der Städte unterwegs. Gestern zum Beispiel gegenüber von Kreinitz in geschichtsträchtiger Gegend auf einem Baumstamm im Schatten gesessen und Raubfische bei der Jagd beobachtet. Die Opfer – kleine fingerlange Schwarmfischlein – sprangen aus dem Wasser in alle Richtungen davon.

 

Los gehts

Urlaub schon wieder vorbei. Gewohnheitsmäßig nutzte ich diesen dazu liegen gebliebene Angelegenheiten abzuarbeiten. Wie gewohnt gelang das nur zum Teil. Das macht mir aber wie gewöhnlich nichts.

A. hat inzwischen ihre Reha angetreten. N. erholt sich vom Ausgraben. Ich starte wieder in den Nachtdienst.

Nesthäkchen

Eine neue Bewohnerin bekommen zur Kurzzeitpflege für vier Wochen bis es zur Reha geht. Sie ist 35 und wir verstehen uns sehr gut. In der Nacht klingelt sie oft, weil sie Schmerzen hat oder von Spastiken geplagt wird. Sie lobt mich für meine Ruhe und Geduld. Wir führen eine sehr gute Pflegebeziehung, meint sie. Ich glaube, wir flirten ein bisschen obwohl ich mir sicher bin, dass ich das gar nicht kann. Jedenfalls mag ich sie, auch wenn sie anstrengend ist.

Niedergang

Die Mondfinsternis konnte ich nur kurz beobachten, dann nahm mich wieder die örtliche Finsternis in Form der Psychotiker in Anspruch. Die eine hatte Kreuzottern im Schlüpfer, die andere große Angst vor einem Tier unter dem Bett und dem Mehl im Kopfkissen. Unter den Irren gibt es einfache Charaktere genauso wie Akademiker mit Doktortitel. Alkoholiker haben wir auch, die von Selbstmord faseln dafür aber zu betrunken sind, in ihrer Scheiße liegend den Klosterfrau Melissengeist in großen Schlucken verzehrend. Manchmal habe ich das Gefühl hier im Kleinen den Untergang der menschlichen Zivilisation zu erleben. Alles Agonie, nichts Lebenswertes, nichts Erhaltenswertes. Man wünscht sich nur, dass alles bald vorbei wäre.

Alles so schön hier

Nicht nur rechtschaffen müde, sondern vollkommen erschöpft nach acht zehn- bzw. zwölfstündigen Nachtdiensten, in denen gefühlt unablässig gestorben oder durchgedreht wird. Dabei sind mir die Sterbenden viel lieber als die wahnhaften Psychotiker, sie schreien wenigstens nicht die ganze Zeit. Ich kann Geschrei kaum ertragen. Adäquat versorgen kann ich keine der genannten Gruppen.
Gegen gesundheitliche Probleme im Alter empfehle ich mittlerweile ungerührt einen Tod spätestens in den mittleren Jahren. Hundertprozentige Prophylaxe ist möglich. Oder als Alternative für die Zögerlichen eine Neuauflage des T4-Programmes. Natürlich ist das Käse, ich bin nicht halb so abgebrüht wie ich vorgebe zu sein. Aber meine Verdrängungsfähigkeit kommt an ihre Grenzen. Wenigstens habe ich über Weihnachten frei, das hatte ich seit Jahren nicht.

Alles gut

Wieder einmal nachts einen Ehemann angerufen und ihm mitgeteilt, dass seine Frau verstorben ist. Routiniert in diesen Abläufen mittlerweile. Sie war noch nicht einmal besonders alt. Mit dem Tod und den Toten keinerlei Berührungsängste, unerträglich und empörend allerdings die abwesende Pflege und Betreuung als sie noch am Leben waren. Wortreich und blumig dargestellte Fake-Pflege zu stark überhöhten Preisen ist das was stattfindet. Weiß jeder, könnte jeder wissen. Interessiert keinen oder nur für die Zeit, in der die eigene Verwandschaft betroffen ist. Ein guter Kommentar, der es im Wesentlichen auf den Punkt bringt. Aber wie gesagt, es interessiert keinen.

Wirrkopf

Wie so oft abstruse Träume nach der Nachtdienstsession. Der Körper wehrt sich die erste freie Nacht im Bett mit Schlafen zu verbringen. Er nervt mich mit Kopfschmerzen, Nykturie und wirren Träumen: Ich bin in einer Art hotelartigen Lazarett oder Pflegeheim des Nachts mit vielen bettlägerigen Patienten, endlose verwinkelte Gänge und Säle. Man läuft ewig herum und hat am Ende vergessen, was man eigentlich tun wollte. Dann muss plötzlich evakuiert werden. Alle werden auf ein Feld oder eine Wiese geschleppt und später wieder ins Haus zurück. Man findet nichts mehr, alles durcheinander, das reinste Chaos…