Brüllaffe

Gegen 04:00 Uhr verwirrt aufgewacht, weil ein Idiot auf der Straße herumschrie. Der Idiot fuhr irgendwann mit seinem Auto weg und ich konnte lange nicht wieder einschlafen. Am Morgen erfahren, dass Ch. früh gegen 04:00 Uhr im Krankenhaus verstorben ist. Zufällige Koinzidenz. Als rationalem Menschen ist mir esoterisches Geraune vollkommen fremd, trotzdem ein seltsamer Zufall.

Heute mal wieder als Fingerübung eine Bewerbung für eine im Bau befindliche Pflegefabrik abgeschickt. Ich kenne jemanden, der jemanden kennt, der meint, dort sei alles besser, vieles besser, manches besser. Ganz sicher, vielleicht, hoffentlich. Ja, genau. Es geht nichts über präzise Informationen für die Entscheidungsfindung.

Angschlagen

Ich habe ein ziemliche dickes Fell, was die Zumutungen seitens der Insassen angeht. Nur eines kann ich nicht vertragen: Geschrei. Lärm generell macht mich wahnsinnig. Letztens Spätdienst gehabt und die Insassen gaben ihr Bestes, es unerträglich zu gestalten. Ursache ist, dass ein zunehmender Teil der Alten psychisch extrem auffällig ist und im Grunde in eine Geronto-Psychiatrie gehörten. Dazu kommt, dass der Pflegeschlüssel ein Witz ist und in Sachsen ganz besonders. Mehr als Anscheinspflege bzw. -betreuung ist gar nicht möglich. Jeder weiß das, niemanden interessiert es. Zum Schluss schrie sich das Personal noch an. Großes Kino, wenn man es mag. Ich mag es nicht.

Menschenliebe

Mit einer neu eingestellten Pflegerin unterhalten. Sie kommt aus dem Pflegeheim, in dem ich mich als Schnellschuss jüngst beworben hatte. Sie erzählt die üblichen finsteren Geschichten aus der Pflegebranche. Mein Bauchgefühl lag also richtig, als es mir eine Absage an diese Adresse empfahl. Überall derselbe Dreck. An meinen zynischen Tagen empfehle ich immer eine Neuauflage des T4-Programmes. Das wäre die ehrlichere Alternative. Aber das ist Hatespeech, so spricht man nicht. Gesellschaftlicher Konsens hingegen ist es, die alten, kranken Leute auf niedrigem Level bis zu ihrem Tod zu verwahren, das zu wenige Personal zu verschleißen, mit billiger Hinhalterhetorik bei der Stange zu halten und das ganze Elend mit humanistischem Geschwätz schönzureden.

Erledigt der Fall

Gestern aus der Firma raus. Bis zum Schluss normal gearbeitet, dann ein paar Umarmungen, Spind leer geräumt und ab ohne mich umzudrehen. Am Morgen noch H. gesehen auf dem Weg zu ihrer neuen Arbeitsstelle; sie kündigte ein paar Monate vor mir. Ich nehme die Begegnung als ein gutes Zeichen (als einer, der nicht an Zeichen glaubt).

Vorwärts, immer nur vorwärts

Eine neue, noch im Bau befindliche Pflegefabrik besichtigt. Sie macht einen guten Eindruck, auch das angestrebte Konzept klingt menschenwürdig für alle Seiten. Nach meinem Klinikabenteuer bin ich etwas vorsichtiger geworden, das heißt noch vorsichtiger. Aber das Risiko scheint mir akzeptabel. Ich werde es eingehen. Beim Besichtigungstermin ist mir eine zukünftige Angestellte aufgefallen. Sie gefällt mir, sie erinnert mich an das Rehäuglein. Ich habe beschlossen, dass sie meine Glücksbringerin sein wird.

Raus

H. ist ganz euphorisch wegen ihres neuen Jobs, den sie gestern antrat. Ich hoffe, sie bleibt bei ihrer positiven Einschätzung auch weiterhin. Dass sie den Absprung aus der Pflegefabrik geschafft zu haben scheint, freut mich. Über kurz oder lang wäre auch sie kaputt gegangen, wie schon so viele andere zuvor. Schade nur, dass ich sie nun nicht mehr sehen werde, und machen wir uns nichts vor, der Schreibkontakt wird sich nach einiger Zeit ebenfalls verlieren. Aber ich werde sie in angenehmer Erinnerung behalten.