Immer so weiter

Und wieder ist ein Tagesgast über den Styx gesetzt. Die Angehörigen sind Tag und Nacht bei ihm gewesen. Sie waren etwas seltsam aber es ist nicht an mir den individuellen Umgang der Angehörigen mir ihrem sterbenden Verwandten zu kommentieren. Habe kein Sendungsbewusstsein und keinen Erziehungsauftrag. Die ruhigen und stillen sind mir naturgemäß lieber als die hysterischen oder esoterischen Familienmitglieder. Aber man muss nehmen was kommt.

Endspurt

Wieder ein neuer Tagesgast, so nenne ich für mich die Palliativpatienten wegen ihres so schnellen Verfalles, diesmal: Pankreaskopfkarzinom mit fortgeschrittener Metastasierung. Ein netter Mensch, der weiß was auf ihn zukommt. Und dann ist da noch der unheimlich fette Patient, ein wirklicher Unsympath, der dem Ende entgegen fault und auf seine Sepsis wartet. Niemand kann ihn leiden. Doch immer zutraulicher und freundlicher wird er mir gegenüber, je schlechter es ihm geht. Ich kann seine Angst vor dem bevorstehenden jämmerlichen Ende erkennen. Nicht einfach ihm wenigstens ein Fitzelchen Würde zu erhalten. Ich kann damit umgehen. Für den Fall, dass dies einmal anders wird, sollte ich jedoch ein kleines Budget für Nutten und Schnaps zurück behalten.

Bis zur Bahre

Immer öfter bekommen wir Palliativpflegefälle ins Heim, die nur wenige Tage bis Wochen durchhalten – oft Krebspatienten im Endstadium. Hospizplätze sind noch rar trotz steigender Angebote. So wird das Pflegeheim aus der Not heraus zu einem Hospiz light. Zu einer richtigen Hospizpflege wie sie im Buche steht und gerne in der Öffentlichkeit kommuniziert wird, ist ein Standardheim personell gar nicht in der Lage auch mit Hinzuziehung der mittlerweile etablierten SAPV-Teams nicht. Aber wir tun einfach mal so als ob. Ist einfach besser so. Außer vielleicht für die Palliativpatienten. Aber hey, irgendwas ist immer.

Auszug

Gestern hat A. ihren temporären Aufenthalt in unserer Anstalt beendet. Sie ist vorerst nach Hause zurück gekehrt, der Beginn der Reha ist noch unklar. Ich habe sie an meinen freien Tagen häufig besucht und wir haben uns auch über Katzen unterhalten aber nicht nur. Eine beeindruckende willensstarke Frau. Sie hat mich eingeladen, mir ihre ungefähr eine Autostunde entfernte kleine Stadt zu zeigen, wenn sie wieder besser laufen kann. Ich freue mich darauf.

Zudem gab es weitere Höhepunkte in meiner geruhsamen Existenz, die in ihrem Erlebniswert aber weit abfallen, dazu zählen zum Beispiel eine 24 Stunden Gastroenteritis und die Behandlung bei meinem Zahnarzt.

Krankenbesuch

An meinem freien Tag A. in der Anstalt besucht und mit ihr nicht über Katzen gesprochen. Das Personal ergeht sich zum Teil bereits in Anspielungen wegen meines augenscheinlichen Interesses, was mir jedoch gleichgültig ist. A. verfügt über einen wachen Verstand, Witz und hat eine angenehme Ausstrahlung. Darüber hinaus gibt es weitere interessante Aspekte an ihr. Leider ist meine soziale Unbeholfenheit nicht gerade von Vorteil.

Nesthäkchen

Eine neue Bewohnerin bekommen zur Kurzzeitpflege für vier Wochen bis es zur Reha geht. Sie ist 35 und wir verstehen uns sehr gut. In der Nacht klingelt sie oft, weil sie Schmerzen hat oder von Spastiken geplagt wird. Sie lobt mich für meine Ruhe und Geduld. Wir führen eine sehr gute Pflegebeziehung, meint sie. Ich glaube, wir flirten ein bisschen obwohl ich mir sicher bin, dass ich das gar nicht kann. Jedenfalls mag ich sie, auch wenn sie anstrengend ist.

Niedergang

Die Mondfinsternis konnte ich nur kurz beobachten, dann nahm mich wieder die örtliche Finsternis in Form der Psychotiker in Anspruch. Die eine hatte Kreuzottern im Schlüpfer, die andere große Angst vor einem Tier unter dem Bett und dem Mehl im Kopfkissen. Unter den Irren gibt es einfache Charaktere genauso wie Akademiker mit Doktortitel. Alkoholiker haben wir auch, die von Selbstmord faseln dafür aber zu betrunken sind, in ihrer Scheiße liegend den Klosterfrau Melissengeist in großen Schlucken verzehrend. Manchmal habe ich das Gefühl hier im Kleinen den Untergang der menschlichen Zivilisation zu erleben. Alles Agonie, nichts Lebenswertes, nichts Erhaltenswertes. Man wünscht sich nur, dass alles bald vorbei wäre.

Alles so schön hier

Nicht nur rechtschaffen müde, sondern vollkommen erschöpft nach acht zehn- bzw. zwölfstündigen Nachtdiensten, in denen gefühlt unablässig gestorben oder durchgedreht wird. Dabei sind mir die Sterbenden viel lieber als die wahnhaften Psychotiker, sie schreien wenigstens nicht die ganze Zeit. Ich kann Geschrei kaum ertragen. Adäquat versorgen kann ich keine der genannten Gruppen.
Gegen gesundheitliche Probleme im Alter empfehle ich mittlerweile ungerührt einen Tod spätestens in den mittleren Jahren. Hundertprozentige Prophylaxe ist möglich. Oder als Alternative für die Zögerlichen eine Neuauflage des T4-Programmes. Natürlich ist das Käse, ich bin nicht halb so abgebrüht wie ich vorgebe zu sein. Aber meine Verdrängungsfähigkeit kommt an ihre Grenzen. Wenigstens habe ich über Weihnachten frei, das hatte ich seit Jahren nicht.

Alles gut

Wieder einmal nachts einen Ehemann angerufen und ihm mitgeteilt, dass seine Frau verstorben ist. Routiniert in diesen Abläufen mittlerweile. Sie war noch nicht einmal besonders alt. Mit dem Tod und den Toten keinerlei Berührungsängste, unerträglich und empörend allerdings die abwesende Pflege und Betreuung als sie noch am Leben waren. Wortreich und blumig dargestellte Fake-Pflege zu stark überhöhten Preisen ist das was stattfindet. Weiß jeder, könnte jeder wissen. Interessiert keinen oder nur für die Zeit, in der die eigene Verwandschaft betroffen ist. Ein guter Kommentar, der es im Wesentlichen auf den Punkt bringt. Aber wie gesagt, es interessiert keinen.

Immer was los

Mit einem Marokkaner Nachtdienst gehabt, der die Speisenvorschriften des Ramadan sehr ernst nimmt. Essen und Trinken nur zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang, dazwischen rein gar nichts. Der Arbeitsanfall richtet sich leider nicht nach diesen Vorgaben, man muss Leistung bringen auch mit leerem Magen. Hat sich aber trotzdem ganz gut gehalten. Ein paar Nächte später trinkt eine Oma dafür um so mehr, Schnaps aus großen Flaschen in unfassbaren Mengen. Sie lallt und schreit abwechselnd und dekoriert ihr Zimmer um, diplomatisch ausgedrückt. Alkoholiker gehen mir unglaublich auf den Sack, undiplomatisch ausgedrückt. Da ist mir der Vorfall mit der im Bad umgefallenen Frau, die wie ein abgestochenes Schwein blutete (Thrombozytenaggregationshemmer galore), fast lieber.