Unbedingt

Manchmal bin ich froh über meine Emotionslosigkeit, die in Wirklichkeit gar keine Emotionslosigkeit ist. Ich verwende nur unglaublich viel Energie darauf, meine Gefühlswelt klein und unter Kontrolle, sie angekettet und eingesperrt in ihrem Kellerverlies zu halten. Wenn mir das nicht gelingen würde, wäre ich verloren. Ich bin ein Meister der Kontrolle und Verdrängung, unbedingt. Irgendwann bricht das Kartenhaus zusammen, dessen bin ich mir bewusst, aber jetzt noch nicht, jetzt noch nicht.

Eine der letzten Nächte: Der Großvater von M., mit der ich zusammen Nachtdienst habe, liegt im Sterben, hier in diesem Heim. Er bekommt kaum noch Luft, röchelt, brodelnde stoßweise Atmung, schwarzes Sekret läuft seitlich aus seinem Mund. Er gestikuliert, erkennt seine Enkelin nicht. M. aufgelöst, kann den Anblick kaum ertragen. Ich kann ihm Morphin spritzen, das erleichtert ihm das Atmen, er wird ruhiger aber es kann den Tod beschleunigen, erkläre ich ihr. Ja, sagt sie, mach das. Geh raus, sage ich… Ich rufe danach die Tochter an, sage, wie es um ihren Vater steht, sage, dass sie jederzeit kommen kann, wenn sie will. Sie kommt mit dem Taxi und bleibt ein paar Stunden. Auch sie vollkommen aufgelöst. Später kollabiert M. Ich rufe den Bereitschaftsarzt…

Vernichtung

Wieder ein Glioblastom. Ein großer, freundlicher Mann – ehemals. Verfall im Zeitraffer. Kompletter Sprachverlust, kann sich nicht mehr verbal ausdrücken, versteht nichts mehr, zeigt nur noch hilflos auf Dinge und stammelt. Gesichtsfeldeinschränkungen, Gleichgewichtsprobleme, Inkontinenz. Pisst in alle Ecken und schmiert seine Scheiße mit den Händen an die Wand. Vollkommener Zusammenbruch einer Persönlichkeit.

Finis mundi

Bei mir wird gern gestorben. Langsam wird es mir selbst unheimlich. Bloße Koinzidenz versuche ich mich, dem die religiöse Komponte fehlt, zu beruhigen. Hoffentlich nimmt mir das auch die Polizei ab, falle wegen gewissen statistischen Auffälligkeiten irgendwann Fragen auftauchen sollten. Jedenfalls bin ich im Überbringen von Todesnachrichten und dem Führen von tröstlichen Gesprächen mit Hinterbliebenen mittlerweile recht gewandt.

Zeit

Ich telefoniere ungern. Anrufe vom Typ: »Guten Tag. Ihre Mutter / ihr Vater ist tot. Schönen Tag noch.«, kotzen mich ganz besonders an. Davon gab es in der letzten Zeit deutlich zu viele. Ich bin eher pragmatisch veranlagt, die Emotionen sind hübsch unter Kontrolle aber manchmal toben sie mächtig in ihrem Käfig und rütteln an den Gitterstäben. Nicht weil am Wegesrand hin und wieder ein Toter auftaucht, sondern weil mir die große verdrängte Sanduhr wieder einfällt, die unerbittlich das Verrinnen der Zeit misst. Meine Zeit läuft mir davon, das werde ich eines Tages bitter bereuen. Besser schnell verdrängen den Gedanken.

Nichts bleibt

Unvermeidlich ist meist, dass verbohrte, um nicht zu sagen bösartige Menschen, eines Tages auch alt und krank werden. Diese leiden dann unter Alter und Krankheit besonders, so scheint es. Und diese verbohrten, um nicht zu sagen bösartigen, nunmehr alt und krank gewordenen Menschen sterben sogar. Auch wenn diese Vorstellung und die Akzeptanz der Tatsache in deren Weltbild nicht hinein passt und sie sich schwer damit tun. Der Sensenmann holt sie alle. Alles was dann noch bleibt, ist die Erinnerung an verbohrte, um nicht zu sagen bösartige, alte und kranke Menschen. Und die vergeht besonders schnell.

Korrekte Geschäfte

„Er wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Der Lärm draußen war verstummt, und als ich bald darauf ging, blieb ich in der Tür noch einmal stehen. Von Fliegen umsummt, fiebernd, bewusstlos lag der heimgekehrte Agent auf seinem Lager; der andere, über die Bücher gebeugt, machte korrekte Eintragungen über absolut korrekte Geschäfte; und fünfzig Fuß hügelabwärts sah ich die reglosen Baumkronen im Hain des Todes.“

Joseph Conrad, Herz der Finsternis

Mutterliebe

Die alte Frau, selbst krank und auf dem absteigenden Ast, sorgt sich um ihr lebensuntüchtiges, alkoholabhängiges und verwahrlostes, bis über beide Ohren verschuldetes und nun auch noch unheilbar an Krebs erkranktes fünfundfünfzigjähriges Kind. Ihr Sohn wird vor ihr sterben – bald schon. Die Mutter hat kaum Geld aber was da ist, soll für seine ordentliche Erdbestattung verwendet werden. Was mit ihr selbst wird, ist ihr egal.