Herr B.

Der Polizist hat Angst vor dem Sterben. Ihm wird mit Mitte 50 sein verkorkstes Leben bewusst. Seine Jugendliebe hat ihn verlassen, danach fing das mit dem Saufen an und es ging abwärts. Keine Frau, keine Kinder. Er hat einen Bruder, er ist seine Familie. Seine früheren Polizeikollegen besuchen ihn manchmal. Er klammert sich an Kleinigkeiten, fragt, ob ich einen Garten hätte, ein Gewächshaus usw. Fotos einer Katze stehen auf dem Tisch, das Bild einer älteren Frau, seine Mutter vermutlich. Er trinkt die ganze Nacht Bier und erbricht es bisweilen, der Fernseher läuft 24 Stunden. Er hat Angst einzuschlafen und nicht mehr aufzuwachen. Er hat ein Scheißleben und hängt daran.

Am Nachmittag

Vor ein paar Tagen an einem auf dem Fußweg im strömenden Regen sterbenden Mann vorbeigekommen. Passanten bemühten sich vergeblich. Später erfahren, dass es der Ehemann einer Kollegin war. Schlagartig wurde mir bewusst, dass ich keinerlei ernstzunehmende Probleme habe. Die Lächerlichkeiten, die ich dafür hielt, zählen nicht.

Unbedingt

Manchmal bin ich froh über meine Emotionslosigkeit, die in Wirklichkeit gar keine Emotionslosigkeit ist. Ich verwende nur unglaublich viel Energie darauf, meine Gefühlswelt klein und unter Kontrolle, sie angekettet und eingesperrt in ihrem Kellerverlies zu halten. Wenn mir das nicht gelingen würde, wäre ich verloren. Ich bin ein Meister der Kontrolle und Verdrängung, unbedingt. Irgendwann bricht das Kartenhaus zusammen, dessen bin ich mir bewusst, aber jetzt noch nicht, jetzt noch nicht.

Eine der letzten Nächte: Der Großvater von M., mit der ich zusammen Nachtdienst habe, liegt im Sterben, hier in diesem Heim. Er bekommt kaum noch Luft, röchelt, brodelnde stoßweise Atmung, schwarzes Sekret läuft seitlich aus seinem Mund. Er gestikuliert, erkennt seine Enkelin nicht. M. aufgelöst, kann den Anblick kaum ertragen. Ich kann ihm Morphin spritzen, das erleichtert ihm das Atmen, er wird ruhiger aber es kann den Tod beschleunigen, erkläre ich ihr. Ja, sagt sie, mach das. Geh raus, sage ich… Ich rufe danach die Tochter an, sage, wie es um ihren Vater steht, sage, dass sie jederzeit kommen kann, wenn sie will. Sie kommt mit dem Taxi und bleibt ein paar Stunden. Auch sie vollkommen aufgelöst. Später kollabiert M. Ich rufe den Bereitschaftsarzt…

Vernichtung

Wieder ein Glioblastom. Ein großer, freundlicher Mann – ehemals. Verfall im Zeitraffer. Kompletter Sprachverlust, kann sich nicht mehr verbal ausdrücken, versteht nichts mehr, zeigt nur noch hilflos auf Dinge und stammelt. Gesichtsfeldeinschränkungen, Gleichgewichtsprobleme, Inkontinenz. Pisst in alle Ecken und schmiert seine Scheiße mit den Händen an die Wand. Vollkommener Zusammenbruch einer Persönlichkeit.

Finis mundi

Bei mir wird gern gestorben. Langsam wird es mir selbst unheimlich. Bloße Koinzidenz versuche ich mich, dem die religiöse Komponte fehlt, zu beruhigen. Hoffentlich nimmt mir das auch die Polizei ab, falle wegen gewissen statistischen Auffälligkeiten irgendwann Fragen auftauchen sollten. Jedenfalls bin ich im Überbringen von Todesnachrichten und dem Führen von tröstlichen Gesprächen mit Hinterbliebenen mittlerweile recht gewandt.

Zeit

Ich telefoniere ungern. Anrufe vom Typ: »Guten Tag. Ihre Mutter / ihr Vater ist tot. Schönen Tag noch.«, kotzen mich ganz besonders an. Davon gab es in der letzten Zeit deutlich zu viele. Ich bin eher pragmatisch veranlagt, die Emotionen sind hübsch unter Kontrolle aber manchmal toben sie mächtig in ihrem Käfig und rütteln an den Gitterstäben. Nicht weil am Wegesrand hin und wieder ein Toter auftaucht, sondern weil mir die große verdrängte Sanduhr wieder einfällt, die unerbittlich das Verrinnen der Zeit misst. Meine Zeit läuft mir davon, das werde ich eines Tages bitter bereuen. Besser schnell verdrängen den Gedanken.

Tod am Abend

Überraschend, also wirklich überraschend starb eine Frau. Von jetzt auf gleich. Kapitaler Herzinfarkt vermutlich. Nach erstem Schock bei den anderen Alten kommen Haben-Wollen-Reflexe auf. Kann ich verstehen.