Sterbefälle

Kenne nun tätigkeitsbedingt viele Bestattungsunternehmen der näheren und ferneren Umgebung. Immer wieder kurze aber interessante Gespräche mit den Sargträgern, die nachts die Verstorbenen abholen kommen. Meist sind es Männer, es waren aber auch schon einige Frauen dabei. Helfe dann manchmal beim Einsargen sperriger Leichen.

Die Ärzte, welche die Leichenschau durchführen nicht minder interessant. Manche ganz penibel und nach Lehrbuch vorgehend, lassen die Leiche drehen, um sich die Ausbildung der Totenflecken anzuschauen und versuchen Herztöne mit dem Stethoskop zu erlauschen. Andere schauen nur kurz auf den Toten ohne ihn anzufassen und fragen mich ob vielleicht ein Messer im Rücken steckt. Ich verneine wahrheitsgemäß.

Herr K.

Neulich fiel Herr K. bei den Mülltonnen tot um. Ein etwas sonderlicher Schizophrener mit Verwahrlosungstendenz, ein netter Kerl Mitte fünfzig. Hat nachts selten geschlafen, nur geraucht, Kaffee getrunken und gegessen was er finden konnte. Manchmal hat er mir einen Kaffee vorbei gebracht oder Reiseführer und Zeitschriften über Tiere und wir haben uns ein bisschen unterhalten. Ich werde ihn vermissen.

Die Zeit läuft ab

Vor ein paar Tagen starb mir nachts wieder eine Frau. In der vorhergehenden Nacht zeichnete sich der rasche Verfall bereits ab, gegen halb vier Uhr morgens rief ich die Tochter an um ihr zu sagen, dass ihre Mutter im Sterben liegt. Ich mache das furchtbar ungern, fremde Leute nachts mit solchen Nachrichten aus dem Bett zu klingeln. Ich habe mir trotzdem angewöhnt, ihnen den in meinen Augen bald bevorstehenden Tod ihrer Angehörigen mitzuteilen und ihnen die Gelegenheit zu geben, sie noch einmal zu sehen, wenn sie es möchten. Für die meisten ist das von großer Bedeutung auch wenn es ihnen manchmal erst sehr viel später bewusst wird. Meine eigene Befindlichkeit hat dabei keine Rolle zu spielen.

Alt aber kein Idiot

Wieder ein Suizidversuch in der Anstalt. Ich stehe solchen Unternehmungen gespalten gegenüber. Bei Würdigung aller Umstände: zunehmender Persönlichkeitsverlust, körperlicher Verfall, unwürdiges Lebensumfeld in einem Pflegeheim, Empfinden der eigenen Existenz als Ballast für sich selbst und die anderen, keinerlei Perspektive auf Besserung etc. … Wie kann ich einem Menschen unter diesen Umständen absprechen nicht noch mit seinen letzten Kräften und selbstbestimmt dem Grauen ein Ende bereiten zu wollen? Jetzt sitzt er in der geschlossenen Psychiatrie und wird wieder eingenordet, wie ich es nenne. Danach ist bestimmt alles gut.

Am Nachmittag

Vor ein paar Tagen an einem auf dem Fußweg im strömenden Regen sterbenden Mann vorbeigekommen. Passanten bemühten sich vergeblich. Später erfahren, dass es der Ehemann einer Kollegin war. Schlagartig wurde mir bewusst, dass ich keinerlei ernstzunehmende Probleme habe. Die Lächerlichkeiten, die ich dafür hielt, zählen nicht.

Unbedingt

Manchmal bin ich froh über meine Emotionslosigkeit, die in Wirklichkeit gar keine Emotionslosigkeit ist. Ich verwende nur unglaublich viel Energie darauf, meine Gefühlswelt klein und unter Kontrolle, sie angekettet und eingesperrt in ihrem Kellerverlies zu halten. Wenn mir das nicht gelingen würde, wäre ich verloren. Ich bin ein Meister der Kontrolle und Verdrängung, unbedingt. Irgendwann bricht das Kartenhaus zusammen, dessen bin ich mir bewusst, aber jetzt noch nicht, jetzt noch nicht.

Eine der letzten Nächte: Der Großvater von M., mit der ich zusammen Nachtdienst habe, liegt im Sterben, hier in diesem Heim. Er bekommt kaum noch Luft, röchelt, brodelnde stoßweise Atmung, schwarzes Sekret läuft seitlich aus seinem Mund. Er gestikuliert, erkennt seine Enkelin nicht. M. aufgelöst, kann den Anblick kaum ertragen. Ich kann ihm Morphin spritzen, das erleichtert ihm das Atmen, er wird ruhiger aber es kann den Tod beschleunigen, erkläre ich ihr. Ja, sagt sie, mach das. Geh raus, sage ich… Ich rufe danach die Tochter an, sage, wie es um ihren Vater steht, sage, dass sie jederzeit kommen kann, wenn sie will. Sie kommt mit dem Taxi und bleibt ein paar Stunden. Auch sie vollkommen aufgelöst. Später kollabiert M. Ich rufe den Bereitschaftsarzt…

Brüllaffe

Gegen 04:00 Uhr verwirrt aufgewacht, weil ein Idiot auf der Straße herumschrie. Der Idiot fuhr irgendwann mit seinem Auto weg und ich konnte lange nicht wieder einschlafen. Am Morgen erfahren, dass Ch. früh gegen 04:00 Uhr im Krankenhaus verstorben ist. Zufällige Koinzidenz. Als rationalem Menschen ist mir esoterisches Geraune vollkommen fremd, trotzdem ein seltsamer Zufall.

Heute mal wieder als Fingerübung eine Bewerbung für eine im Bau befindliche Pflegefabrik abgeschickt. Ich kenne jemanden, der jemanden kennt, der meint, dort sei alles besser, vieles besser, manches besser. Ganz sicher, vielleicht, hoffentlich. Ja, genau. Es geht nichts über präzise Informationen für die Entscheidungsfindung.