Liebevolles Betrachten

„… je mehr die mechanische Uhr, das Wunderwerk einer jahrhundertealten Erfahrung, an praktischem Nutzen verliert, da sie durch elektronische Uhren für ein paar Mark ersetzt wird, desto heftiger regt und verbreitet sich der Wunsch nach Erwerb und Besitz, sei’s zum Vorzeigen, sei’s zum liebevollen Betrachten oder als Geldanlage, von staunenswerten, perfekten Zeitmeßmaschinen.“

Umberto Eco, Wie man die Uhrzeit nicht weiß

So ist das. Aber ich muss mir auch ein neues Bett kaufen und so werde ich meine geerbte und wahrlich unperfekte Poljot-Uhr behalten, die ich eigentlich als Zeichen meiner Solidarität mit der Ukraine mit einem Hammer zerschlagen müsste (aber was kann die arme alte Uhr für den aktuellen russischen Psychopathen und was würde es der Ukraine nützen).

Eherne Bringschuld

„Die Gewandtheit im Formulieren der Danksagungen charakterisiert den Wissenschaftler von Rang. Es kann vorkommen, daß ein Wissenschaftler am Ende seiner Arbeit entdeckt, daß er niemandem Dank schuldet. Macht nichts, dann muss er Dankesschulden erfinden. Eine Forschung ohne Dankesschulden ist suspekt, und irgendwem hat man immer irgendwas zu verdanken.“

Umberto Eco, Wie man ein Vorwort schreibt

Wilde Tiere

Die Luchse wurden angesiedelt, die Wölfe kamen von alleine zurück und in letzter Zeit auch immer mal ein Elch. Vor ein paar Jahren verunglückte einer beim Sprung über einen Eisenzaun in Dresden leider tödlich, der vorletzte hinterließ im Erzgebirge nur ein paar Spuren im Schnee und verschwand wieder in unbekannte Richtung.

Der vorerst letzte Elch wurde vor ein paar Tagen bei Siemens vom Flur geholt (Link) und nach Ostsachsen gebracht. Ich freue mich, dass bei solchen verirrten Tieren zuerst an Betäubung und Umsiedlung gedacht wird und nicht sofort ans totschießen.

Sommer adé

Die ausgedehnten Buchenbestände des Weicholdswaldes im oberen Osterzgebirge färben sich schon langsam gelb. Zwischen den einzelnen Schauern aus Nordwest scheint immer wieder für längere Zeit die Sonne und läßt die gelben Blätter leuchten. Auch unsere alte Linde im Garten in viel tieferer Lage weist im »Unterfell« bereits zahlreiche Gelblinge auf.

Unverständnis

Gestern endlich wieder einmal zum Fotografieren gekommen. Dabei muss alles passen: das Motiv, das Licht, meine Konzentration. Und die Konzentration fehlte in letzter Zeit häufig. Seit ein paar Tagen herrscht nun Funkstille zwischen H. und mir. Fast bin ich froh darüber. Sie wollte bei mir schlafen und das ertrage ich nicht.

Nun ist sie beleidigt wegen meiner Zurückweisung. Sie glaubt offensichtlich, ihre Eröffnung müsste das Größte für einen Mann sein und er kann nun gar nicht anders als glücklich sein. Mir hingegen stellen sich dabei die Nackenhaare auf. Meine Wohnung ist mein Rückzugsort von der Welt. Es reicht, wenn ich draußen die gesellschaftlich notwendige Farce mitspiele, hier drinnen ist mein Reservat. Wer da eindringen will, braucht einen sehr, sehr langen Atem.

Absetzfällung

Den Tod der Blaufichte neben dem Haus beschlossen. Im Oktober muss sie sterben. Sie schubbert am Haus und der Dachrinne, nadelt sie voll, harzt aus kleinen und größeren Wunden und heult und faucht unheimlich im Sturme. Auf den Stumpf kommt ein Blumentopf und im Winter ein Vogelhäuschen. Vielleicht pflanzen wir auch einen schönen Strauch an diese Stelle. Mickrige Ersatzmaßnahmen.

Instinktsicher

Vor dem Pflegeheim parkt das offene Luxuscabrio eines der Geschäftsführer und glänzt in der Sonne. Man möchte den prekär Beschäftigten einmal zeigen, dass Gemeinnützigkeit eine gute Sache ist und den Insassen, wofür ihre tausend und mehr Euro Eigenanteil im Monat so verwandt werden – nehme ich an. Wirklich eine gute Sache finde ich.