Tod und Verklärung

Das Sterben eines Menschen begegnet mir berufsbedingt öfter. Ich habe ein rationales Verhältnis dazu. Wie man sich künstlerisch damit auseinander setzen kann, hat der junge Richard Strauss mit seiner sinfonischen Dichtung „Tod und Verklärung“ gezeigt.

Selbst schreibt er rückblickend dazu:

»Es war vor sechs Jahren, als mir der Gedanke auftauchte, die Todesstunde eines Menschen, der nach den höchsten Zielen gestrebt hatte, also wohl eines Künstlers, in einer Tondichtung darzustellen. Der Kranke liegt im Schlummer schwer und unregelmäßig atmend zu Bette; freundliche Träume zaubern ein Lächeln auf das Antlitz des schwer Leidenden; der Schlaf wird leichter; er erwacht; gräßliche Schmerzen beginnen ihn wieder zu foltern, das Fieber schüttelt seine Glieder; als der Anfall zu Ende geht und die Schmerzen nachlassen, gedenkt er seines vergangenen Lebens: seine Kindheit zieht an ihm vorüber, seine Jünglingszeit mit seinem Streben, seine Leidenschaften und dann, während schon wieder Schmerzen sich einstellen, erscheint ihm die Frucht seines Lebenspfades, die Idee, das Ideal, das er zu verwirklichen, künstlerisch darzustellen versucht hat, das er aber nicht vollenden konnte, weil es von einem Menschen nicht zu vollenden war. Die Todesstunde naht, die Seele verläßt den Körper, um im ewigen Weltraume das vollendet in herrlichster Gestalt zu finden, was es hienieden nicht erfüllen konnte.«

Nun also Richard Strauss. Tod und Verklärung, Op. 24 – Herbert von Karajan dirigiert die Berliner Philharmoniker.

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Zur Erinnerung

»Alle diese Untersuchungen, die gründliche Erforschung der Stasi-Strukturen, der Methoden, mit denen sie gearbeitet haben und immer noch arbeiten, all das wird in die falschen Hände geraten. Man wird diese Strukturen genauestens untersuchen – um sie dann zu übernehmen. Man wird sie ein wenig adaptieren, damit sie zu einer freien westlichen Gesellschaft passen. Man wird die Störer auch nicht unbedingt verhaften. Es gibt feinere Möglichkeiten, jemanden unschädlich zu machen. Aber die geheimen Verbote, das Beobachten, der Argwohn, die Angst, das Isolieren und Ausgrenzen, das Brandmarken und Mundtotmachen derer, die sich nicht anpassen – das wird wiederkommen, glaubt mir. Man wird Einrichtungen schaffen, die viel effektiver arbeiten, viel feiner als die Stasi. Auch das ständige Lügen wird wiederkommen, die Desinformation, der Nebel, in dem alles seine Kontur verliert.«

Bärbel Bohley, 1990

Sprachlos

Suchte ich ein passendes Schlusswort für mein überlebtes Weblog, könnte dieses Fundstück, das ich drüben beim Gottseibeiuns in einem Kommentar fand, kein besseres sein:

„Für unsere Generation ist doch wohl ein anderer starker Eindruck maßgeblich: gefangen zu sein zwischen einer sich auflösenden Vergangenheit und einer Zukunft, die ins Nichts führt.“

Audiatur et altera pars

Ein Interview, welches der Chefdirigent der Dresdner Staatskapelle Christian Thielemann der Zeitschrift CORPS (Gott sei bei uns!) anlässlich seines sechzigsten Geburtstages gab, lässt mich den Mann, den ich früher eher kritisch sah, in einem positiven Licht erscheinen. Man muss seine Position zum Elitegedanken nicht teilen, obwohl ich finde, dass er selbst da recht hat, aber seine Aussage zur Bedeutung von Arbeitsethos, Disziplin und Zuverlässigkeit ist unwiderlegbar. Mit Jammern, Gegreine und Schludrigkeit bekommt man gar nichts hin im Leben.

Wir alle sollten eigentlich Preußen sein“ (PDF)

Beifang

Gedichte sind nicht so meins, ich bin ein prosaischer Typ. Dennoch klebt mir seit Tagen – so glaube ich – der Fetzen einer Gedichtzeile im Hirn. Der Versuch einer Suche im Internet führte zu nichts. Das heißt, ich fand etwas anderes. Auch schön.

Große Zeiten

Die Zeit ist viel zu groß, so groß ist sie.
Sie wächst zu rasch. Es wird ihr schlecht bekommen.
Man nimmt ihr täglich Maß und denkt beklommen:
So groß wie heute war die Zeit noch nie.

Sie wuchs. Sie wächst. Schon geht sie aus den Fugen.
Was tut der Mensch dagegen? Er ist gut.
Rings in den Wasserköpfen steigt die Flut.
Und Ebbe wird es im Gehirn der Klugen.

Der Optimistfink schlägt im Blätterwald.
Die guten Leute, die ihm Futter gaben,
sind glücklich, daß sie einen Vogel haben.
Der Zukunft werden sacht die Füße kalt.

Wer warnen will, den straft man mit Verachtung.
Die Dummheit wurde zur Epidemie.
So groß wie heute war die Zeit noch nie.
Ein Volk versinkt in geistiger Umnachtung.

Erich Kästner