Evergreen?

Ein Fundstück aus der 1976’er Biographie »Ehm Welk – Stationen eines Lebens« von Konrad Reich:

»Die vollkommene Losgelöstheit der Intellektuellen vom Volk – das ist ihre Tragik, ihre Unfruchtbarkeit, ihr Untergang.«

Johannes R. Becher, »Der Weg zur Masse«, Die Rote Fahne, 1927, Nr. 233

Gebildete Schwätzer

»Wenn ein einfacher Mensch spricht, ist das eine Wohltat. Er redet, er schwätzt nicht. Je gebildeter die Leute werden, desto unerträglicher wird ihr Geschwätz. Ich richte mich ganz aus nach diesen Sätzen. Einem Maurer, einem Holzfäller können wir zuhören, einem Gebildeten oder einem sogenannten Gebildeten, denn es gibt ja doch nur sogenannte Gebildete, nicht. Leider hören wir immer nur die Schwätzer schwätzen, die anderen schweigen, weil sie genau wissen, daß es nicht viel zu sagen gibt.«

Thomas Bernhard, Ein Kind

Zweifelhafte Annäherung

»Die Sprache ist unbrauchbar, wenn es darum geht, die Wahrheit zu sagen, Mitteilung zu machen, sie läßt dem Schreibenden nur die Annäherung, immer nur die verzweifelte und dadurch auch nur zweifelhafte Annäherung an den Gegenstand, die Sprache gibt nur ein gefälschtes Authentisches wider, das erschreckend Verzerrte, sosehr sich der Schreibende auch bemüht, die Wörter drücken alles zu Boden und verrücken alles und machen die totale Wahrheit auf dem Papier zur Lüge.«

Thomas Bernhard, Die Kälte

Kein Weg

»Jedem anderen, außer mir, wäre er [der Großvater] ein Wegbereiter gewesen, aber ich war niemals ein Mensch für einen Weg. Ich bin keinen Weg gegangen im Grunde, wahrscheinlich, weil ich immer Angst gehabt habe davor, einen dieser endlosen und dadurch sinnlosen Wege zu gehen. Wenn ich wollte, habe ich mir immer gesagt, könnte ich. Aber ich bin nicht gegangen. Bis heute nicht. Es ist etwas geschehen, ich bin älter geworden, ich bin nicht stehengeblieben, aber ich bin auch nicht einen Weg gegangen.«

Thomas Bernhard, Der Keller

Existenzen

»Ich darf nicht leugnen, daß ich auch immer zwei Existenzen geführt habe, eine, die der Wahrheit am nächsten kommt und die als Wirklichkeit zu bezeichnen ich tatsächlich ein Recht habe, und eine gespielte, beide zusammen haben mit der Zeit eine mich am Leben haltende Existenz ergeben, wechselweise ist einmal die eine, einmal die andere beherrschend, aber ich existiere wohlgemerkt beide immer.«

Thomas Bernhard, Der Keller

Arbeit

»Die Krankheiten entstehen dort, wo die Menschen nicht ausgelastet sind, zuwenig beschäftigt sind, nicht über zuviel Beschäftigung sollten sie klagen, sondern über zuwenig, die Beschäftigung wird eingeschränkt, und die Krankheiten breiten sich aus, das Unglück erfaßt alle, wo die Arbeit und die Beschäftigung eingeschränkt werden. Insoferne hat die Arbeit, an sich sinnlos, ihren Sinn, ihren ureigentlichen Zweck.«

Thomas Bernhard, Der Keller

Oktober 1944

Eindrücklich die Schilderung des katholisch verdrucksten Milieus Salzburgs, der Existenzbedingungen – Lebensbedingungen will man es nicht nennen – in der nationalsozialistischen Lehranstalt dort, der ersten Bombenangriffe auf die Stadt, die bisher verschont wurde und die Veränderungen des Jungen unter diesen Eindrücken:

»Auf dem Weg in die Gstättengasse war ich auf dem Gehsteig, vor der Bürgerspitalskirche, auf einen weichen Gegenstand getreten, und ich glaubte, es handle sich, wie ich auf den Gegenstand schaute, um eine Puppenhand, auch meine Mitschüler hatten geglaubt, es handelte sich um eine Puppenhand, aber es war eine von einem Kind abgerissene Kinderhand gewesen. Erst beim Anblick der Kinderhand war dieser erste Bombenangriff amerikanischer Flugzeuge auf meine Heimatstadt urplötzlich aus einer den Knaben, der ich gewesen war, in einen Fieberzustand versetzenden Sensation zu einem grauenhaften Eingriff der Gewalt und zur Katastrophe geworden.«

Thomas Bernhard, Die Ursache

Aufnahmefähigkeit

Die große Thomas Bernhard Ermüdung ist vorbei. Es folgt »Die Ursache« und dann die anderen sogenannten autobiographischen Schriften. Gleich wieder großer Furor:

»Der ausgehende Herbst und das in Fäulnis und Fieber eingetretene Frühjahr haben immer ihre Opfer gefordert, hier mehr als anderswo in der Welt, und die für den Selbstmord Anfälligsten sind die jungen, die von ihren Erzeugern und anderen Erziehern alleingelassenen jungen Menschen, lernenden und studierenden und tatsächlich immer nur in Selbstauslöschung und Selbstvernichtung meditierenden, für welche einfach noch alles die Wahrheit und die Wirklichkeit ist und die in dieser Wahrheit und Wirklichkeit als einer einzigen Fürchterlichkeit scheitern.«

Thomas Bernhard, Die Ursache

Rolls-Royce

Wieder ein Patient mit Glioblastom. Keine Therapie. Rasanter Verfall. Gestern Atemnot, zyanotisch, krampfend, nicht ansprechbar. Keine Patientenverfügung – großartig. Notarzt mit großem Gefolge. Arzt anfangs mit typischer Arroganz-Symptomatik. Ihm von mir unterstellter Gedankengang: »Wieder ein Opa mit quersitzendem Bäuerchen.« Das Wort GLIOBLASTOM in den Raum geworfen. Ab da menschlich und medizinisch einwandfreie Arbeit. Später an Herrndorfs Aussage gedacht: »Was Status betrifft, ist Hirntumor natürlich der Mercedes unter den Krankheiten. Und das Glioblastom der Rolls-Royce.«