Audiatur et altera pars

Ein Interview, welches der Chefdirigent der Dresdner Staatskapelle Christian Thielemann der Zeitschrift CORPS (Gott sei bei uns!) anlässlich seines sechzigsten Geburtstages gab, lässt mich den Mann, den ich früher eher kritisch sah, in einem positiven Licht erscheinen. Man muss seine Position zum Elitegedanken nicht teilen, obwohl ich finde, dass er selbst da recht hat, aber seine Aussage zur Bedeutung von Arbeitsethos, Disziplin und Zuverlässigkeit ist unwiderlegbar. Mit Jammern, Gegreine und Schludrigkeit bekommt man gar nichts hin im Leben.

Wir alle sollten eigentlich Preußen sein“ (PDF)

Beifang

Gedichte sind nicht so meins, ich bin ein prosaischer Typ. Dennoch klebt mir seit Tagen – so glaube ich – der Fetzen einer Gedichtzeile im Hirn. Der Versuch einer Suche im Internet führte zu nichts. Das heißt, ich fand etwas anderes. Auch schön.

Große Zeiten

Die Zeit ist viel zu groß, so groß ist sie.
Sie wächst zu rasch. Es wird ihr schlecht bekommen.
Man nimmt ihr täglich Maß und denkt beklommen:
So groß wie heute war die Zeit noch nie.

Sie wuchs. Sie wächst. Schon geht sie aus den Fugen.
Was tut der Mensch dagegen? Er ist gut.
Rings in den Wasserköpfen steigt die Flut.
Und Ebbe wird es im Gehirn der Klugen.

Der Optimistfink schlägt im Blätterwald.
Die guten Leute, die ihm Futter gaben,
sind glücklich, daß sie einen Vogel haben.
Der Zukunft werden sacht die Füße kalt.

Wer warnen will, den straft man mit Verachtung.
Die Dummheit wurde zur Epidemie.
So groß wie heute war die Zeit noch nie.
Ein Volk versinkt in geistiger Umnachtung.

Erich Kästner

Rollback

»Das Gefühl, in einer Welt zu leben, in der althergebrachte gesellschaftliche Strukturen und Hierarchien auf den Kopf gestellt wurden, hatte in Bayern einen massiven Rechtsruck zur Folge.«

Robert Gerwarth, Die Besiegten

Obige Bilanz bezieht sich zwar auf das Ende der kommunistischen Münchner Räterepublik 1919, dennoch liegt darin auch ein Ansatz zum Verständnis aktueller deutscher Entwicklungen. Nichts kommt von ungefähr.

Monologe

»Wenn Monologe gut sind, ziehe ich sie Dialogen vor; es ist, als beobachte man einen Menschen, der ein Buch nur für einen selbst schreibt: er schreibt es, liest es vor, spielt es, korrigiert es, genießt es, freut sich darüber, freut sich über seine Freude, dann zerreißt er es und wirft die Schnitzel in alle vier Winde.«

Henry Miller, Der Koloß von Maroussi

Denken

»Je älter ich werde, um so mehr werde ich mir der inneren Intensität des Lebens bewußt. Früher lag sie in der Berührung, begann mit der Annäherung, verkörperte sich in den greifbaren Dingen, hatte Gestalt, Farbe, Form. Heute läßt man sich von der Welt nicht mehr so schnell einfangen, da ist alles etwas ruhiger geworden, die Leidenschaften haben sich verloren, die Stille macht das Leben intensiver, und plötzlich erkennt man, daß im Grunde das Denken die Intensität des Lebens ausmacht, man sieht, wie es durch den Menschen hindurchgeht, dauert, pulsiert …«

Hanns Cibulka, Swantow – Die Aufzeichnungen des Andreas Flemming

Beschleunigung

»Vielleicht sind wir deshalb so unbeständig, so aggressiv, weil wir unsere innere Zeit mit der äußeren Beschleunigung nicht mehr in Einklang bringen können. Die innere Zeit des Menschen wird in Frage gestellt, degradiert, nicht mehr anerkannt. Das Leben stürzt viel zu schnell auf uns ein, es kann nicht mehr verarbeitet werden, bewegt sich nur noch an der Oberfläche fort, es wird auch nicht mehr zum Humus für kommende Generationen. Die Geschwindigkeit verwischt die Konturen, verkürzt den Blick. Aber auch unsere Sprache ist schneller geworden, das heißt: im Ausdruck kürzer, hektischer.«

Hanns Cibulka, Swantow – Die Aufzeichnungen des Andreas Flemming

Wissenschaft & Kunst

Als gewesener Wissenschaftler oder besser etwas kleiner, als Mensch mit wissenschaftlicher Ausbildung, sprechen mich diese Gedankengänge sehr an:

»Goethe hat in seinen naturwissenschaftlichen Schriften die Pflanze immer wieder poetisch-genial gesehen. Heute sprechen wir kaum noch von dem künstlerischen Prinzip, das in jeder Pflanze, in jeder Muschel verborgen ist. Dieser Zug ist vor allem der jüngeren Generation verlorengegangen. Das Zweckmäßige dominiert, man lebt ohne Imagination.
In unserem weiteren Gespräch ging der Doktor von der Erfahrung aus, daß jede Wissenschaft letzten Endes nicht nur unter dem Aspekt der wirtschaftlichen Nutzanwendung, sondern auch unter den Voraussetzungen einer „sinnlich-sittlichen Wirkung“ in unser Leben eingreifen muss. Eine neue Harmonie, ein neues schwesterliches Verhältnis zwischen den beiden großen Erkenntnisbereichen der Menschheit, der Kunst und der Wissenschaft muss gefunden werden.

In Wissenschaft und Kunst wird die doppelte Prüfung des Menschen sichtbar. Wir dürfen das eine dem anderen nicht opfern. In allen beiden brennt der Funke nach Erkenntnis. Sie sind Schöpfungen des menschlichen Geistes, voller Aktivität, voller Aktion. Beide zusammen geben uns erst die große Einheit des Seins.«

Hanns Cibulka, Sanddornzeit, Tagebuchblätter von Hiddensee