Monologe

»Wenn Monologe gut sind, ziehe ich sie Dialogen vor; es ist, als beobachte man einen Menschen, der ein Buch nur für einen selbst schreibt: er schreibt es, liest es vor, spielt es, korrigiert es, genießt es, freut sich darüber, freut sich über seine Freude, dann zerreißt er es und wirft die Schnitzel in alle vier Winde.«

Henry Miller, Der Koloß von Maroussi

Denken

»Je älter ich werde, um so mehr werde ich mir der inneren Intensität des Lebens bewußt. Früher lag sie in der Berührung, begann mit der Annäherung, verkörperte sich in den greifbaren Dingen, hatte Gestalt, Farbe, Form. Heute läßt man sich von der Welt nicht mehr so schnell einfangen, da ist alles etwas ruhiger geworden, die Leidenschaften haben sich verloren, die Stille macht das Leben intensiver, und plötzlich erkennt man, daß im Grunde das Denken die Intensität des Lebens ausmacht, man sieht, wie es durch den Menschen hindurchgeht, dauert, pulsiert …«

Hanns Cibulka, Swantow – Die Aufzeichnungen des Andreas Flemming

Beschleunigung

»Vielleicht sind wir deshalb so unbeständig, so aggressiv, weil wir unsere innere Zeit mit der äußeren Beschleunigung nicht mehr in Einklang bringen können. Die innere Zeit des Menschen wird in Frage gestellt, degradiert, nicht mehr anerkannt. Das Leben stürzt viel zu schnell auf uns ein, es kann nicht mehr verarbeitet werden, bewegt sich nur noch an der Oberfläche fort, es wird auch nicht mehr zum Humus für kommende Generationen. Die Geschwindigkeit verwischt die Konturen, verkürzt den Blick. Aber auch unsere Sprache ist schneller geworden, das heißt: im Ausdruck kürzer, hektischer.«

Hanns Cibulka, Swantow – Die Aufzeichnungen des Andreas Flemming

Wissenschaft & Kunst

Als gewesener Wissenschaftler oder besser etwas kleiner, als Mensch mit wissenschaftlicher Ausbildung, sprechen mich diese Gedankengänge sehr an:

»Goethe hat in seinen naturwissenschaftlichen Schriften die Pflanze immer wieder poetisch-genial gesehen. Heute sprechen wir kaum noch von dem künstlerischen Prinzip, das in jeder Pflanze, in jeder Muschel verborgen ist. Dieser Zug ist vor allem der jüngeren Generation verlorengegangen. Das Zweckmäßige dominiert, man lebt ohne Imagination.
In unserem weiteren Gespräch ging der Doktor von der Erfahrung aus, daß jede Wissenschaft letzten Endes nicht nur unter dem Aspekt der wirtschaftlichen Nutzanwendung, sondern auch unter den Voraussetzungen einer „sinnlich-sittlichen Wirkung“ in unser Leben eingreifen muss. Eine neue Harmonie, ein neues schwesterliches Verhältnis zwischen den beiden großen Erkenntnisbereichen der Menschheit, der Kunst und der Wissenschaft muss gefunden werden.

In Wissenschaft und Kunst wird die doppelte Prüfung des Menschen sichtbar. Wir dürfen das eine dem anderen nicht opfern. In allen beiden brennt der Funke nach Erkenntnis. Sie sind Schöpfungen des menschlichen Geistes, voller Aktivität, voller Aktion. Beide zusammen geben uns erst die große Einheit des Seins.«

Hanns Cibulka, Sanddornzeit, Tagebuchblätter von Hiddensee

Gebildete Schwätzer

»Wenn ein einfacher Mensch spricht, ist das eine Wohltat. Er redet, er schwätzt nicht. Je gebildeter die Leute werden, desto unerträglicher wird ihr Geschwätz. Ich richte mich ganz aus nach diesen Sätzen. Einem Maurer, einem Holzfäller können wir zuhören, einem Gebildeten oder einem sogenannten Gebildeten, denn es gibt ja doch nur sogenannte Gebildete, nicht. Leider hören wir immer nur die Schwätzer schwätzen, die anderen schweigen, weil sie genau wissen, daß es nicht viel zu sagen gibt.«

Thomas Bernhard, Ein Kind

Zweifelhafte Annäherung

»Die Sprache ist unbrauchbar, wenn es darum geht, die Wahrheit zu sagen, Mitteilung zu machen, sie läßt dem Schreibenden nur die Annäherung, immer nur die verzweifelte und dadurch auch nur zweifelhafte Annäherung an den Gegenstand, die Sprache gibt nur ein gefälschtes Authentisches wider, das erschreckend Verzerrte, sosehr sich der Schreibende auch bemüht, die Wörter drücken alles zu Boden und verrücken alles und machen die totale Wahrheit auf dem Papier zur Lüge.«

Thomas Bernhard, Die Kälte

Kein Weg

»Jedem anderen, außer mir, wäre er [der Großvater] ein Wegbereiter gewesen, aber ich war niemals ein Mensch für einen Weg. Ich bin keinen Weg gegangen im Grunde, wahrscheinlich, weil ich immer Angst gehabt habe davor, einen dieser endlosen und dadurch sinnlosen Wege zu gehen. Wenn ich wollte, habe ich mir immer gesagt, könnte ich. Aber ich bin nicht gegangen. Bis heute nicht. Es ist etwas geschehen, ich bin älter geworden, ich bin nicht stehengeblieben, aber ich bin auch nicht einen Weg gegangen.«

Thomas Bernhard, Der Keller