Vorwärts, immer nur vorwärts

Eine neue, noch im Bau befindliche Pflegefabrik besichtigt. Sie macht einen guten Eindruck, auch das angestrebte Konzept klingt menschenwürdig für alle Seiten. Nach meinem Klinikabenteuer bin ich etwas vorsichtiger geworden, das heißt noch vorsichtiger. Aber das Risiko scheint mir akzeptabel. Ich werde es eingehen. Beim Besichtigungstermin ist mir eine zukünftige Angestellte aufgefallen. Sie gefällt mir, sie erinnert mich an das Rehäuglein. Ich habe beschlossen, dass sie meine Glücksbringerin sein wird.

In einem Satz

„Logisch wäre, konsequent wäre, meinte Franz gestern abend, daß wir alle uns von einem Augenblick auf den anderen aus dem Staub machten, daß wir uns umbringen, ohne zu zögern, weil, wie Franz meint, die einzige mögliche Konsequenz heute für uns nur mehr noch die sei, uns umzubringen, auf welche Weise sei gleichgültig, je schneller desto besser, aber wir sind zu schwach dazu, wir reden darüber, und wie oft reden wir stundenlang, tagelang, wochenlang darüber und bringen uns nicht um, wir denken zwar, wissen zwar, wie unsinnig das ist, daß wir noch leben, daß wir noch existieren, aber bringen uns nicht um, wir folgen den Beispielen derer nicht, die sich schon umgebracht haben, und wie viele unseres Alters haben sich, aus was für lächerlichen Gründen, wie wir wissen, schon umgebracht, aus den lächerlichsten Gründen, wenn man diese Gründe mit unseren Gründen vergleicht, wir bringen uns nicht um und schlagen uns jeden Tag wieder mit allen möglichen Unsinnigkeiten herum, verbringen den Tag mit sinnlosem Handwerk und mit absurder Gedächtniszersplitterung, wir plagen uns und ernähren uns und fürchten uns und nichts weiter und genau das ist wohl das allersinnloseste auf der Welt, daß wir uns plagen und ernähren und fürchten, das Widerwärtigste, aber wir bringen uns nicht um, wir reden davon, wir machen den Selbstmordgedanken zu unserem einzigen, aber wir begehen den Selbstmord nicht.“

Thomas Bernhard, Midland in Stilfs

Raus

H. ist ganz euphorisch wegen ihres neuen Jobs, den sie gestern antrat. Ich hoffe, sie bleibt bei ihrer positiven Einschätzung auch weiterhin. Dass sie den Absprung aus der Pflegefabrik geschafft zu haben scheint, freut mich. Über kurz oder lang wäre auch sie kaputt gegangen, wie schon so viele andere zuvor. Schade nur, dass ich sie nun nicht mehr sehen werde, und machen wir uns nichts vor, der Schreibkontakt wird sich nach einiger Zeit ebenfalls verlieren. Aber ich werde sie in angenehmer Erinnerung behalten.

Stilfs

„Wir fürchten, ja, wir hassen Besucher und wir klammern uns gleichzeitig mit der Verzweiflung der von der Außenwelt gänzlich Abgeschnittenen an sie. Unser Schicksal heißt Stilfs, immerwährende Einsamkeit. In Wahrheit können wir die Personen an unseren Fingern abzählen, die uns dann und wann als sogenannte erwünschte Personen aufsuchen, aber auch vor diesen erwünschten Personen haben wir Angst, sie könnten uns aufsuchen, weil wir vor allen Menschen, die uns aufsuchen könnten, Angst haben, wir haben eine ungeheure Angst davor entwickelt, es könnte uns überhaupt ein Mensch plötzlich aufsuchen, obwohl wir nichts mit größerer Inständigkeit erwarten, als daß uns ein Mensch, und wie oft denken wir: gleichgültig, was für ein Mensch, sei er ein Unmensch!, aufsucht und unsere Hochgebirgsmarter unterbricht, unser lebenslängliches Exerzitium, unsere Einsamkeitshölle.“

Thomas Bernhard, Midland in Stilfs

Trostlos

Es ist enttäuschend, wenn sich die grenzenlose Müdigkeit und die Interesselosigkeit allen Alltagsvorhaben gegenüber nicht auf die sich durchsetzende Erkenntnis zurückzuführen ist, dass diese Alltagsvorhaben banal und nutzlos sind, reine Zeit- und Kraftverschwendung also, sondern seine Ursache in der bloßen Unterfunktion einer Drüse hat. Ein rein technisches Problem und kein philosophisches.